In Juristenkreisen geht das Bonmot, wer als kantonaler Staatsanwalt nichts tauge, könne immer noch bei der Bundesanwaltschaft (BA) anheuern. Seit dem Amtsantritt von Erwin Beyeler vor knapp vier Jahren ist ein gegenteiliger Trend zu beobachten – weg vom Bund, zurück in den Kanton. Am Sitz der BA an der Taubenstrasse16 in Bern gilt das Motto: «Rette sich, wer kann».

«Der Sonntag» hat Kenntnis von mindestens sechs Staatsanwälten des Bundes, die Beyeler den Rücken gekehrt haben. Der vorerst letzte ist Hans Baumgartner (60). Er ist ein kompetenter Mann, wenn es um komplexe Fälle geht. Als Eidgenössischer Untersuchungsrichter führte er die Ermittlungen gegen den Basler Financier Dieter Behring. Er war für das Verfahren gegen den Rütli-Bomber zuständig, der am 1.August 2007 nach der Feier mit Bundesrätin Micheline Calmy-Rey einen Sprengkörper zur Detonation brachte. Zudem war er jahrelang Geschäftsführer einer Selbstregulierungsorganisation zur Bekämpfung der Geldwäscherei in Zug. Baumgartner ist eines der letzten Schwergewichte in der Bundesanwaltschaft – doch jetzt geht er. Der Fürsprecher wird Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte in den Kantonen Nidwalden, Obwalden und Uri.

Mit Baumgartner verlässt Susanne Pälmke (51) nach 12 Jahren die BA. Auch sie arbeitete in der Abteilung Wirtschaftskriminalität. Sie wird neu ebenfalls für die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte der drei Innerschweizer Kantone tätig sein. Beide äussern sich öffentlich nicht zu ihren Beweggründen.

Doch der Doppel-Abgang hat auch mit den Querelen um Bundesanwalt Beyeler zu tun. Die herrische Art Beyelers und seine Zickzack-Strategie im Fall Ramos sorgt bei vielen Staatsanwälten für Kopfschütteln. Zuerst wollte Beyeler als damaliger Chef der Bundeskriminalpolizei im Fall Holenweger «rein gar nichts» mit der Verpflichtung von Doppel-Agent Ramos zu tun haben, dann nur «in der Phase der Vorabklärungen» – bis daraus plötzlich eine «nähere Prüfung» wurde.

Mit Holenwegers Freispruch, der Pleite im Hells-Angels-Verfahren und dem falschen Anfangsverdacht bei den Tamil-Tigers-Ermittlungen ist die BA nachhaltig beschädigt worden. Dieser Auffassung sind selbst Beyelers Leute.

In vertraulichen Gesprächen machen mehrere Staatsanwälte keinen Hehl daraus, dass sie auf einen Abgang ihres umstrittenen Chefs hoffen. «Das Arbeitsklima ist nicht so, dass man offen über die schwierige Konstellation mit ihm sprechen könnte», sagt ein Staatsanwalt. Es herrsche eine spürbare Unruhe in den Abteilungen, berichtet ein weiterer. Auf die Frage, ob Beyeler intern noch Rückhalt habe, wird von zwei Lagern berichtet. Die Kritik an der Amtsführung und die herben Rückschläge bei den vermeintlich grossen Verfahren haben nicht dazu geführt, die BA zusammenzuschweissen.

Beyeler verkennt die interne Lage. Er rechne klar mit einer Wiederwahl am kommenden Mittwoch und habe keinen Plan B, heisst es in der BA. In Gesprächen mit letzten Vertrauten wie Staatsanwalt Carlo Buletti geht er davon aus, dass keine Allianz gegen ihn entstehen wird.

Die parlamentarische Gerichtskommission (GK) hat sich vor zwei Wochen denkbar knapp mit 9 zu 7 Stimmen bei einer Enthaltung für eine Wiederwahl ausgesprochen. Im Brief der GK an die Parlamentsmitglieder, dessen Inhalt dem «Sonntag» vorliegt, wird ein seltsames Argument angeführt. Eine Abwahl würde Unruhe in die BA bringen, heisst es darin. Dabei kann die Unruhe kaum grösser werden, als sie jetzt schon ist.

«Beyeler klammert sich an seinen Job», wie es einer seiner Staatsanwälte formuliert. Der Schaffhauser wolle unbedingt weitere vier Jahre im Staatsdienst bleiben, weil seine Rente sonst empfindlich tiefer ausfällt.

Die BA lässt mitteilen, Beyeler bedauere die neuerlichen Kündigungen. Die Wahrheit ist, dass er froh ist, zwei Kritiker weniger im Haus zu haben. «Die allfällig notwendigen Stellvertretungen sind gewährleistet», heisst es in der Stellungnahme. Kein Problem sei auch die Fluktuation, die als «ausserordentlich tief» bezeichnet wird. Bleibt Beyeler im Amt, kommt es zweifellos zu weiteren Abgängen. Ein Staatsanwalt sagt: «Innerlich hat hier jeder Zweite gekündigt.»

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