VON NADJA PASTEGA

Jetzt stellt sich die Frage umso dringlicher: Warum wurde Polanski erst jetzt verhaftet? Recherchen belegen nämlich: Im Bundesamt für Justiz (BJ), das am vergangenen Wochenende die Verhaftung des 76-jährigen Hollywood-Regisseurs veranlasste, wusste man schon lange, dass Polanski immer wieder in die Schweiz reiste.

Denn es war just dieses Bundesamt, das in den Kauf des Luxus-Chalets in Gstaad involviert war. Weil Polanski Ausländer ist, wurde die Lex Koller angewendet. Das heisst: Das BJ musste den Immobilienerwerb explizit absegnen.

Diese Information wird vom Justizdepartement (EJPD) von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bestätigt. EJPD-Sprecher Guido Balmer: «Bei Polanski kam die Lex Koller zur Anwendung.»

Laut Michael Teuscher, Regierungsstatthalter in Saanen und zuständig für Gstaad, habe man den Bewilligungsantrag für Polanskis Immobilienerwerb an das BJ weitergeleitet. «Es kam keine Beschwerde.» Zudem habe man in Saanen «keine Kenntnis von einem Haftbefehl» gehabt.

Wenn die Information über Polanskis Hauskauf im BJ vorhanden war – warum wurde sie dann nicht genutzt, um den seit 2005 international gesuchten mutmasslichen Kinderschänder Polanski zu verhaften? Schliesslich ging auch der Haftbefehl aus den USA beim BJ ein.

Sprecher Balmer erklärt dies so: Der Haftbefehl und der Hauskauf seien über «zwei verschiedene Bereiche» innerhalb des BJ gelaufen. «Es gibt keine Querverbindungen zwischen diesen Bereichen.»

Das erstaunt – so gross ist dieses Bundesamt nicht. Damals war Christoph Blocher Justizminister. Er sagt heute: «Ich habe selber nicht gewusst, dass sich Polanski ab und zu in der Schweiz aufgehalten hat, und ich musste es auch nicht wissen.»

Man müsse überlegen, ob es ein neues Gesetz brauche, «das bei einem Liegenschaftenkauf eine Überprüfung von allfällig vorliegenden Haftbefehlen vorschreibt», sagt Blocher.

Derweil fällt das von Polanski für sich gezeichnete Bild des Justizopfers immer mehr in sich zusammen. Nicht nur, dass ein bisher angeführter Entlastungszeuge plötzlich sagt, er habe gelogen – nun ist auch aufgeflogen, dass Samantha Geimer von Polanski in den Neunzigerjahren höchstwahrscheinlich bis zu einer Million Dollar erhalten hat. Seither setzt sie sich für Gnade für Polanski ein.

Klar wird mittlerweile auch, dass sich Polanski mit seinen Attacken auf das US-Justizsystem schwere Feinde gemacht hat. So sagt der US-Staatsanwalt Steve Cooley: «Der Fall zeigt, wie die spezielle Rolle eines Opfers vom Täter korrumpiert werden kann, sofern dieser zufällig Geld hat.»

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