Der Kommentar: Der entscheidende Giftpfeil gegen Berlusconi war ein kurzes Lächeln. Bei der Tagung des Europäischen Rates Ende Oktober in Brüssel machten sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy mit einer Geste über den italienischen Premier lustig. Ein Journalist fragte: «Waren Berlusconis Ausführungen, wie er sparen will, für Sie überzeugend?» Zuerst zuckte der Mundwinkel bei Sarkozy. Dann schaute er rüber zu Merkel und auch sie musste lächeln. Jeder Italiener hat sich in diesem Moment von Europa gedemütigt gefühlt. Das konnte auch «il nano» – der Zwerg, wie ihn viele Italiener wegen seiner Körpergrösse nennen – nicht ändern, trotz seiner riesigen Medienmaschinerie im Hintergrund.

Dass er sich so lange an der Macht hielt, verdankte er grösstenteils seinem Medienimperium. Er klopfte nie an die Türen, sondern hat schon in den 70er- Jahren dafür gesorgt, dass sich jede italienische Familie einen Fernseher zulegt. Seither hat er nie aufgehört, den Menschen via TV ein besseres «Morgen» zu versprechen. Er vermittelt ein «Es chunnt scho guet»-Gefühl und die Italiener glaubten ihm. Dabei versprach er immer vieles, was er nicht halten konnte. Er schaffte es, den Leuten weiszumachen, sie könnten aussehen wie George Clooney, wenn sie nur genügend ins Fitnessstudio gingen.

In meinen Programmen kommt Berlusconi so gut wie nie vor, denn ich erwähne auf der Bühne nicht gerne meine Konkurrenz. Auch er bedient sich nämlich der Theaterkunst. Warum sonst sollte er sich so einen dummen Pelzhut aufsetzen, wie er es 2003 bei einem Besuch seines Freundes Wladimir Putin tat? Auch der Spruch, Obama sei «jung, gut aussehend und braun gebrannt» war natürlich kalkuliert. Berlusconi weiss eben, was er den Medien geben muss. Er weiss sich zu inszenieren.

Für ihn sind Wähler ein Publikum, für das die Politik wie Unterhaltung inszeniert werden muss. Er macht aus der rostigen Realität eine glänzende Lüge und eine kurzweilige Show. Das drückt sich auch in seiner Sprache aus, die stark an den Fussball erinnert. Er formuliert keine Ziele, sondern «Goals» und er hat keine Regierung, sondern eine «Mannschaft». Was auch daran liegen mag, dass vielfach ein Sieg der Squadra Azzurra über die Probleme im Land hinwegtäuschte. Auch dadurch wurde er wiedergewählt. Und er tat all dies immer mit einem Lächeln. Welche Ironie, dass dieses Lächeln wie ein Bumerang über Merkel und Sarkozy zu ihm zurückkehrt und ihn das Amt kostet. Mitgeholfen hat aber auch die Schulden-Excell-Tabelle aus Brüssel. Brauchte es früher Kriege, um einen Alleinherrscher zu stürzen, reicht heute eine Tabelle. Schulden haben auch etwas Gutes.

Früher oder später wäre der Umsturz aber auch von den Italienern forciert worden. Mit den Tasten der Fernbedienung stahl Berlusconi die Macht, und damit stirbt er auch. Das Volk zappt ihn weg. Denn – ähnlich wie in der Schweiz – spielt für viele nicht mehr das schnelle Geld die entscheidende Rolle, sondern Selbsterfüllung und eine gute Lebensqualität. Deshalb sehen sie durch die Lügen Berlusconis hindurch, der via TV seinen Wählern schnelle Autos, schöne Frauen und viel Geld verspricht. Die Italiener merken, dass sie bisher ähnlich wie bei «Big Brother» nur Kandidaten wählen durften, aber nie etwas zu Inhalten sagen konnten. Was auf der Mattscheibe versprochen wurde, blieb unerreicht.

Doch ganz besiegelt ist der Abgang Berlusconis noch nicht. In Italien glauben nämlich viele, dass es keine wirkliche Alternative gibt. Es heisst, alle anderen seien noch schlechter. Die Italiener müssen nun lernen, dass nicht eine Person sämtliche Probleme lösen kann. Es braucht eine neue Ethik: Alle müssen mit anpacken. Ich wünsche mir deshalb eine Koalitionsregierung und dann Neuwahlen im Frühling.

Ob sich aber dadurch das Image der italienischen Politik in Europa verbessert, bleibt abzuwarten. Denn der Charakter des Homo Fussballus Italicus zeigt seine besten Seiten, wenn er gegen stärkere Gegner spielt. Doch für einmal sind die Gegner Italiens nur die Italiener. Nach Jahren des falschen Optimismus braucht das italienische Volk endlich ehrliche Worte. Schwierige Zeiten für Bella Italia, sehr, sehr schwierige – aber nicht unmöglich zu überwinden. Denn schlechter wird es ohne Berlusconi kaum. Wenn man nämlich die Toilette spült, dann stinkts auch weniger.

* Der Kabarettist Massimo Rocchi ist zurzeit mit seinem Programm «rocCHipedia» auf Tour. Am Donnerstag tritt er in Herisau auf. Der 54-Jährige ist in Italien aufgewachsen, lebt aber schon seit 34 Jahren in der Schweiz.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.


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