Kommandant Anrig, am Donnerstag hat das Pontifikat von Benedikt XVI. geendet. Ein emotionaler Moment?
Daniel Anrig: Ich bin dankbar, dass ich mit meinen Männern Benedikt XVI. dienen durfte. Es war ein Privileg, für ihn da zu sein.

Die Schweizergarde ist also nicht mehr für die Sicherheit des emeritierten Papstes zuständig?
Mit dem Amtsverzicht entfällt auch der Schutz durch uns. Wir haben am Donnerstag das Portal der Sommerresidenz in Castel Gandolfo geschlossen und sind abgezogen. Dorthin zieht sich Benedikt XVI. zurück, bis das Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan umgebaut ist. Den Sicherheitsdienst hat die vatikanische Gendarmerie übernommen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Garde wird es einen emeritierten und einen amtierenden Papst geben. Stand nie zur Diskussion, dass die Garde Benedikt XVI. weiter beschützt?
Nein. Das derzeit geltende Reglement sieht vor, dass die Päpstliche Schweizergarde für den amtierenden Papst zuständig ist. Wir können nur einem Dienstherrn dienen.

Halten Sie Kontakt zu Benedikt XVI.?
Wir alle sind gespannt, wie er die Zurückgezogenheit im Kloster Mater Ecclesiae leben wird. Ich bin überzeugt, dass er das in einer radikalen Art tut. Das wird für uns eine neue Situation sein.

Was ist Benedikt XVI. für ein Mensch?
Wir haben eine enge Beziehung zu ihm aufgebaut und ihn als einfachen, diskreten und sensiblen Menschen kennen gelernt. Er hat das Rampenlicht nicht gesucht und uns gezeigt, was Demut vor Gott und dem Leben bedeutet.

Sie standen von 1992 bis 1994 als Gardist im Dienst von Johannes Paul II. Wie erlebten Sie die beiden Päpste?
Es sind zwei komplett verschiedene Persönlichkeiten, die mit ihrer Eigenart unterschiedlich ihrer Mission nachgingen. Umso faszinierender finde ich, wie beide die Gläubigen angezogen und für sich gewonnen haben.

Gibt es je nach Papst unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen?
Wir gehen individuell auf Bedürfnisse ein.

Beschützt die Garde den Papst bis ins Schlafzimmer?
(lacht) Im Privatbereich sind wir nicht anwesend. Doch sämtliche Räume des päpstlichen Palasts gehören zu unseren Kernkompetenzen. Zudem sind zwei unserer Männer auf Auslandreisen dabei.

Die Schweizergarde beschützt den Papst mit einer Hellebarde. Ist das noch zeitgemäss?
Das ist nur eine repräsentative Waffe. Für einen allfälligen Einsatz sind wir mit speziell erlernten Nahkampftechniken ausgebildet.

Finden Sie noch genügend Motivierte für den Dienst?
Es melden sich immer noch genügend Kandidaten. Für junge Männer ist es nach wie vor eine einmalige Möglichkeit, einer besonderen Tätigkeit militärischer Natur im Ausland nachzugehen.

Was für Aufgaben kommen in den nächsten Tagen und Wochen auf die Schweizergarde zu?
In der Zeit, bis das Konklave beginnt, der Sedisvakanz, sind wir für den Schutz der Kardinäle zuständig, die nun in Rom eintreffen. Das heisst, wir bewachen die Lokalitäten, in denen sie sich aufhalten, damit sie ungestört das Konklave vorbereiten und durchführen können.

Die moderne Technik macht auch vor dem Vatikan nicht Halt – sogar Benedikt XVI. twitterte. Sind für die Zeit des Konklaves Störsender eingebaut?
Die Kardinäle können sich während dieser Zeit keiner Kommunikation über Handy oder Internet bedienen.

Mit Kardinal Kurt Koch könnte theoretisch ein Schweizer Papst werden. Würde Sie das freuen?
Als Gardist schwört man, notfalls sein Leben für das des Papstes zu geben, und zwar unabhängig von der Nationalität des Papstes. Die Zeit der Papstwahl ist eine emotionale Zeit, die nach ihrem Abschluss bestimmt durch eine persönliche Freude begleitet ist. Und ich bin überzeugt, dass alle Gardisten von diesem Gefühl der Freude ergriffen werden.

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