VON NADJA PASTEGA

Jetzt wird auf dem Buckel der Kleinsten gespart: Ab 2012 müssen alle Spitäler ihre Kosten einheitlich abrechnen, jede Diagnose wird mit einer Fallpauschale abgegolten – selbst wenn die Behandlung am Schluss mehr kostet. Kinderärzte sind alarmiert: Das neue Abrechnungssystem decke die Kosten für die Behandlung kranker Kinder in den Spitälern bei weitem nicht ab – wegen des drohenden Geldmangels sei die optimale Betreuung der Kinder nicht mehr gesichert.

«Die Erfahrungen zeigen, dass die Kindermedizin häufig aufwändiger ist als die Erwachsenenmedizin», sagt Michele Losa, Leitender Arzt am Ostschweizer Kinderspital (Kispi St. Gallen): «Wenn das nicht abgegolten wird, kann es
zu Engpässen bei den medizinischen und therapeutischen Leistungen in den Kinderkliniken kommen.» Davon seien «Tausende von Kindern betroffen», warnt Losa. Allein am Kispi St.Gallen werden jährlich 4000 Kinder behandelt.

«Die Frage der Abgeltungshöhe in der Kindermedizin ist beunruhigend», sagt Markus Malagoli, Direktor des Kinderspitals Zürich: «Es ist zu befürchten, dass der gegenüber der Erwachsenenmedizin höhere Aufwand in der Pädiatrie und der Kinderchirurgie nicht angemessen abgegolten wird.» Die Personalkosten in den Kinderspitälern seien rund 20 bis 30 Prozent höher als in den Erwachsenenspitälern, weil Kinder eine intensivere Behandlung und Betreuung benötigten, so Kispi-Chef Malagoli: «Dieser erhöhte Aufwand ist in den Fallpauschalen nicht oder nur unzureichend abgebildet.»

Ein Abbau droht bei der Psychoonkologie, also bei der psychologischen Betreuung von krebskranken Kindern. Die Fallpauschalen decken diese Behandlungen nur noch ungenügend ab. «Massive Probleme gibt es auch bei psychosomatischen Erkrankungen wie Magersucht», sagt Christoph Aebi, Chefarzt der Klinik für Kinderheilkunde am Inselspital Bern. Dramatische Abstriche müssten auch bei der Hospitalisierung von misshandelten Kindern gemacht werden. Diese werden heute aus Kinderschutzgründen eingewiesen, wären aber künftig über Fallpauschalen «völlig ungenügend abgedeckt», so Aebi.

Unter den Sparhammer geraten aber auch Kinder, die an harmloseren Krankheiten wie Bronchitis leiden. «Wenn ein Patient weniger als drei Tage im Spital ist, gibt es Abzüge bei der Fallpauschale», sagt Aebi.

Der drohende Geldmangel führt zu beunruhigenden Szenarien. «Es könnte sogar dazu kommen, dass ein Spital nicht mehr alle Kinder aufnimmt, sondern nur noch jene Fälle, die rentieren», warnt Michaël Hofer, leitender Kinderarzt am Universitätspital Lausanne und Präsident der Ärztlichen Union für Kinder und Jugendliche (fPmh). Er befürchtet «erhebliche Qualitätseinbussen.» Dagegen macht jetzt die Elternorganisation Kind und Spital mobil. «Wir fordern finanzielle Garantien, damit kranke Kinder weiterhin gut versorgt sind», sagt Vorstandsmitglied Netty Fabian.

Nächste Woche verschickt die Organisation ein Warnschreiben an Gesundheitsminister Didier Burkhalter und ausgewählte Parlamentarier. «In Deutschland mussten viele Kinderkliniken nach Einführung der Fallpauschalen schliessen. Seither werden Kinder in Erwachsenenkliniken behandelt, die über kein kindgerecht ausgebildetes Personal verfügen», sagt Fabian: «Das kann jetzt auch in der Schweiz passieren.»

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