Herr Tettamanti, was ist der grösste Unterschied zwischen Basel und Zürich?
Tito Tettamanti: Basel scheint mir empfindlicher zu sein. Wahrscheinlich, weil sich diese Stadt weniger entwickelt hat als Zürich. In Basel vererbt sich der Reichtum, in Zürich wird er immer wieder neu geschaffen: Dort wohnen die Neureichen. Interessanterweise werden die Neureichen von den Linken viel öfter kritisiert als die Altreichen, von denen es in Basel so viele gibt.

Warum, glauben Sie, ist das so?
Wenn eine Familie schon immer reich war, ziehen ihre Kinder den Neid der anderen nicht so stark auf sich. Denn diese Kinder sind nicht durch eigene Leistung zu Geld gekommen. Schauen Sie nach Italien: Die Fiat-Gründerfamilie Agnelli darf alles, keiner reagiert mit Neid. Eifersüchtig sind die Leute auf Menschen, die es aus eigener Kraft zu Reichtum gebracht haben.

Und da sehen Sie einen Zusammenhang mit der BaZ-Geschichte?
Vielleicht liess sich ja deswegen kein Basler finden, der die BaZ retten wollte. Geerbtes Geld versucht sich manchmal zu entschuldigen: Wer Geld von seinen Vorfahren bekommt, will vor allem ein guter Mensch sein und fängt nicht unbedingt etwas damit an.

Die Reaktionen auf Ihren Einstieg bei der BaZ sind mehrheitlich negativ. SP und Grüne haben am Samstag sogar eine Demonstration gegen die «Blocher-Tettamanti-BaZ» organisiert.
Es ist doch so: Wir, die BaZ-Investoren, stören. Wir stören die Basler Ruhe! Es gab hier eine Art Kappeler Milchsuppe: Die Bürgerlichen und die Altreichen arrangierten sich mit den Linken und akzeptierten eine linke Stadtzeitung. Man könnte von «Radikal-Chic» reden. Dann kamen wir. Und was geschah? Seit Markus Somm die BaZ leitet, ist sie besser geworden und für alle Meinungen offen. Aber eben: Das stört.

Christoph Blocher verglich die Aversion gegen ihn und Chefredaktor Markus Somm mit der Judenverfolgung. Ein reichlich deplatzierter Vergleich.
Blochers Juden-Vergleich ist übertrieben. Aber ich kann Blocher auch ein Stück weit verstehen. Er hat diesen Hass nicht verdient.

Woher rührt der Hass?
Ich sehe drei Gründe. Erstens ist Blocher eine Primadonna, und die Schweiz mag keine Primadonnen – sie will Mittelmass. Zweitens kämpft Blocher nicht mit der üblichen Zurückhaltung, sondern mit dem Schwert. Drittens spielt seine Abwahl aus dem Bundesrat mit, die zu einer Polarisierung führte. Mit 30 Jahren erlebte ich als Regierungsrat im Tessin etwas Ähnliches, nach einer Hetzjagd auf mich trat ich zurück. Als Junger schluckt man so was, im Alter fällt das schwerer.

Wäre es nicht ehrlicher gewesen, die Familie Blocher wäre BaZ-Eigentümer geblieben? Jetzt sind Sie es – aber nur formell, faktisch bleibt es Blocher, der für alle Schulden geradesteht.
Blocher führte bei der BaZ seit längerem Regie – aber nicht so, wie oft behauptet wurde. Als ihm die Zeitung das erste Mal angeboten wurde, lehnte er ab – weil er wusste, dass er nicht akzeptiert würde. Darum hat er den Anwalt Martin Wagner zu mir geschickt, den wir dann zum Verleger gemacht haben. Dann kam Moritz Suter. Wir haben den Fehler gemacht, dass wir keine Transparenz geschaffen haben. So entstand der ganze Salat.

Warum haben Sie keinen klaren Schnitt gemacht und gesagt: Ich, Tito Tettamanti, übernehme alles, garantiere auch für die Schulden – und Blocher ist unzweideutig weg aus Basel!
Ich brauchte die Garantie von Blocher. Denn ich will das Risiko für die Druckerei nicht übernehmen. Sehen Sie, ich bin ein Geschäftsmann!

Blocher haftet unbegrenzt. Das kann ihn schlimmstenfalls 100 Millionen Franken kosten.
Sie vertreten die Konkurrenz, darum kann ich die wahre Zahl nicht nennen (lacht). Doch so viele Millionen sind es ganz sicher nicht.

Aber genug, dass Sie als Geschäftsmann Nein sagten.
Ich habe viele Restrukturierungen erlebt. Das hier ist ein schwieriger Fall. Aber eine Sanierung scheint möglich.

Sie sind clever: Sie haben nur 7,5 Millionen von 40 Millionen Franken Aktienkapital, kontrollieren aber 54 Prozent der Stimmen. Wie haben Sie die anderen Aktionäre über den Tisch gezogen?
Das habe ich keineswegs. Die Aktien haben verschiedene Nennwerte. Das habe ich bei Investments oft so gemacht: Es macht Sinn, wenn sehr unterschiedliche Leute beteiligt sind, aber eine klare Verantwortlichkeit erforderlich ist. Keiner von uns will Geld verlieren.

Warum soll man Ihnen glauben, dass Sie die «Basler Zeitung» nicht doch an einen Grossen verkaufen, so wie Sie vor zehn Jahren die Jean Frey AG («Beobachter», «Bilanz») an den deutschen Axel Springer-Konzern übergeben haben?
Wir haben damals die «Weltwoche» herausgelöst und sie eigenständig gemacht. Heute ist sie ein ganz wichtiger Beitrag für die Meinungsvielfalt. Dass wir den Rest an Axel Springer verkauft haben, war richtig: Es verstärkt den Wettbewerb in der Schweiz, weil dadurch neben Tamedia und Ringier ein weiterer grosser Verlag entstand.

Das «Weltwoche»-Modell wäre auch für die BaZ denkbar: Sie lösen die Zeitung aus dem verschuldeten BaZ-Konglomerat heraus und verkaufen sie dem Chefredaktor, dem Sie oder Blocher einen Kredit geben.
Dass Herr Somm Verleger wird, ist nicht vorgesehen. Aber wir fühlen uns frei, alle Optionen zu prüfen.

Welche Zeitungen lesen Sie?
Jeden Tag die NZZ, die «Financial Times» und das «Wall Street Journal». Ich lese selbstverständlich den «Corriere del Ticino», damit ich weiss, wer gestorben ist – ausserdem schreibe ich dort jeden Monat einen Leitartikel. Ich lese die Frontseite der «Basler Zeitung». Dazu natürlich viele Wochenpublikationen.

Haben Sie tatsächlich den Eindruck, bei uns sei die Medienvielfalt bedroht?
Wir leben noch um einiges besser als in Russland (lacht). Es gibt viele Zeitungen, ja, aber oft schreiben sie ungefähr dasselbe. Und sie werden schwächer, während die SRG mit 6000 Mitarbeitern ihr Monopol ausweitet. Das stört mich.

Zur Medienvielfalt trägt doch auch die SRG bei.
Sie ist linkslastig. Nicht, dass diese Ausrichtung von oben gewollt wäre. Nein, die SRG ist links aus reiner Bequemlichkeit! Die Journalisten wiederholen, was sie sich in den vertrauten 68er-Kreisen schon immer erzählt haben.

Sehen Sie als TV- oder Radiokonsument im Ernst einen Linksdrall?
Aber sicher. Als in der Tessiner Tagesschau über ein Zugunglück in England berichtet wurde, hiess es: «Das ist wegen der Privatisierung!» Es sind die Zwischentöne, die es ausmachen. Nach der Waffenschutz- und der Minarett-Initiative gab es auf TSI immer wieder Beiträge, in denen jene, die mit der SVP stimmten, als Dummköpfe hingestellt wurden.

Die Deutschschweizer «Arena» bietet SVP-Vertretern und -Themen immer wieder eine Plattform.
Das Fernsehen hat doch extra ein neues Konzept gemacht, damit es nicht mehr zu den Duellen kommt, in denen Blocher stets glänzte.

Dann müsste Ihre neue Medienvielfalt-Holding ein Fernsehen gründen!
So viel Geld haben wir nicht. Aber wir wollen eine Debatte anstossen, über die Medienvielfalt und die politische Ausrichtung auch der SRG-Sender reden.

Dass alle Zeitungen dasselbe schreiben, ist falsch. Lesen Sie nur die Kommentare zur Bundesratswahl. Da sehen Sie sogar innerhalb desselben Verlags grosse Unterschiede.
Ich bin ja gespannt, wie die Tamedia-Zeitungen über die Erbschaftssteuer-Initiative schreiben werden. Bei der SP-Steuer-Initiative durfte Verleger Pietro Supino nicht einmal in der eigenen Zeitung dagegen anschreiben.

Das behaupten Sie. «Berner Zeitung» und «Tages-Anzeiger», beide aus dem Tamedia-Verlag, kommentieren oft sehr unterschiedlich.
Aber alle Zeitungen benutzen dieselben Quellen, beruhen auf denselben Nachrichten. Alle zitieren dieselben Experten und Gutachten, die meist vom Bund bezahlt sind. Typisch ist auch, dass bei Verbrechen die Nationalität der Täter verschwiegen wird.

Das war einmal. Längst ist es zum Mainstream geworden, die Nationalität zu nennen. Der «Blick» titelte: «Kosovare schlitzt Schweizer auf!»
Man muss die Wahrheit schreiben. Die Mehrheit der Gefängnis-Insassen sind Ausländer. Das zu schreiben, ist nicht diskriminierend, sondern ein Faktum.

Sie kritisieren die Macht der Tamedia. Dabei ist auch die BaZ von ihr abhängig: Sie ist Teil des Online-Portals Newsnet und verteilt ihren Abonnenten das «Tages-Anzeiger-Magazin».
Sie haben recht. Dieses Thema werden wir anschauen.

Welche Partei hat der neue BaZ-Besitzer und ehemalige CVP-Regierungsrat Tettamanti am 23. Oktober gewählt?
Aus der CVP bin ich schon lange ausgetreten. Ich wähle keine Parteien, sondern Köpfe. Ich stelle mir meine Liste selber zusammen.

Welches ist der beste Bundesrat?
Doris Leuthard ist ein Kommunikationstalent. Grosse Achtung habe ich auch vor Simonetta Sommaruga. Sie ist intelligent und hat es als studierte Pianistin zur Bundesrätin gebracht.

Sie wirken viel jünger als 81. Woran liegts?
Ich muss meinen Genen danken. Darum lebe ich, wo andere schon tot sind. Ich bin ein Geniesser, trinke gern ein Glas guten Bordeaux. Ich habe nie geraucht – und turne und schwimme jeden Morgen.

Welches Ziel möchten Sie noch erreichen?
Ich möchte noch lange leben und gesund bleiben. Mein Glück ist, dass ich immer ohne Pille einschlafen kann. Vielleicht habe ich kein Gewissen (lacht). Ach ja, einen Wunsch habe ich noch: dass uns Peter Wanner seine Mediengruppe günstig verkauft und wir sie dann mit der «Basler Zeitung» fusionieren können (lacht lange).

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