Heute vor vier Jahren publizierte «Der «Sonntag» erstmals die Links-rechts-Positionierung der wichtigsten Schweizer Printtitel. Weil fast alle Zeitungen die Nähe zum damaligen SVP-Bundesrat Christoph Blocher suchten, lautete der Hauptbefund: «Bundesrat Blocher zieht die Medien nach rechts.» Die «Weltwoche» wanderte vom rechtsliberalen ins rechte Lager. Darüber hinaus blieb die Presse jedoch mehrheitlich linksliberal.

Jetzt hat Medienprofessor Roger Blum das Links-rechts-Schema aktualisiert – und stellt gewichtige Verschiebungen fest: «Basler Zeitung», «Blick» und «Der Bund» sind seit den Wahlen 2007 nach rechts gerutscht. Damit sind die Medien seit den tendenziell linksliberal geprägten 1990er-Jahren erstmals wieder mehrheitlich Mitte-rechts positioniert.

Die Einteilung basiert auf der Analyse von Kommentaren und Artikeln zu 7 Volksabstimmungen in der letzten Legislatur und erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Den spektakulärsten Sprung macht gemäss Blum die «Basler Zeitung» unter Markus Somm, der das Blatt im August 2010 übernommen hat und kein Geheimnis daraus macht, FDP und SVP zu wählen: Die Traditionszeitung rückt aus der Mitte ins rechtsliberale Lager. Eine bewusste Entscheidung, wie Somm zu verstehen gibt: «Die ‹BaZ› hat sich als einzige Zeitung in den letzten 4 Jahren neu positioniert: nach rechts.»

Ebenfalls nach rechts bewegte sich der «Blick»: von linksliberal in die Mitte. «Der ‹Blick› ist populistischer geworden und vom Linkskurs, wie ihn Jürg Lehmann oder Werner De Schepper geprägt haben, etwas abgerückt», so Blum. Zwar kommentiere die Bundeshaus-Redaktion nach wie vor links. Ins Gewicht fällt jedoch, dass der «Blick» neuerdings auch unverhohlen Stimmung gegen Ausländer macht. Beispiel dafür ist die Kampagne unter dem eingängigen Titel «Kosovare schlitzt Schweizer auf», die von der SVP dankbar aufgenommen worden ist. Kein Zufall: Der Öffnungskurs nach rechts ist beabsichtigt, nachdem zwischen Ringier und der SVP lange Eiszeit herrschte. Weiter linksliberal positioniert bleibt der «SonntagsBlick» – primär wegen der pointiert linksfreisinnigen Wochenkommentare von Chefpublizist Frank A. Meyer.

Der Rechtsruck der Berner Tamedia-Zeitung «Der Bund» in die Mitte ist laut Roger Blum dem Lokalteil geschuldet: «Das Lokalressort war früher in einer Art Symbiose mit der rot-grünen Stadtregierung verbunden. Chefredaktor Artur K. Vogel hat dies aufgelöst.» Zudem würde die zusammengeführte Bundeshausredaktion von «Bund» und «Tages-Anzeiger» oft unterschiedlich kommentieren: eher bürgerlich für den «Bund», eher «linksliberal» für den «Tages-Anzeiger».

Als einzige Zeitung nach links rückte die «Südostschweiz», die seit 2008 von Chefredaktor David Sieber geführt wird, der sich selber als «linksliberal» bezeichnet, seine Zeitung aber in der Mitte positioniert sieht.

Zusätzlich gestärkt wird der Rechtsdrall in den Medien von der «Berner Zeitung», die Blum zwar in der Mitte einstuft, von Chefredaktor Michael Hug aber «rechtsliberal» verortet wird. Der «Tages-Anzeiger» ist laut Blum unter den beiden Chefredaktoren Res Strehle und Markus Eisenhut «kontradiktorischer geworden, mit weiterhin leichter Schlagseite nach links». Zuletzt ist das Blatt, von Strehle als «sozial- und ökoliberale Forumszeitung» bezeichnet, mit zwei feurigen Kommentaren von Co-Chef Eisenhut gegen den Atom-Ausstieg aufgefallen.

«Seit der Loslösung der Presse von den Parteien zwischen 1970 und 1990 ist es schwieriger geworden, zu bestimmen, wo die einzelnen Medien politisch stehen», sagt Roger Blum. Klar ist einzig: «Mit Ausnahme der ‹Weltwoche› unterstützte in den letzten vier Jahren keine Zeitung Abstimmungsvorlagen, die nur von SVP, EDU oder SD getragen waren.»

Für «BaZ»-Chef Somm ist «der Medienmainstream immer noch spürbar, wenn auch nicht mehr so klar». Seit Blochers Abwahl sei die Positionierung der Medien «seltsam unentschieden, in einer Art Schwebezustand, im Zweifelsfall links, aber nicht aus Stärke, sondern aus Langeweile», sagt Somm. «Der Journalismus befindet sich in der gleichen Lage wie die Mitteparteien. FDP und CVP politisieren im Zweifelsfall reflexartig noch immer bürgerlich, können ihre Positionen aber nicht mehr darlegen. Bei den Journalisten ist es genau umgekehrt: Sie sind reflexartig immer noch links, ohne aber wirklich argumentieren zu können.»

Dies zeige sich zum Beispiel in der EU-Frage: «Früher gehörte es für Journalisten zum guten Ton, für die EU zu sein. Heute ist das nicht mehr angezeigt, aber man hat keine neue Position entwickelt. Man schweigt – aus Angst, und nicht aus Überzeugung.»

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