Was bringt den ABB-Lehrling dazu, jeden Abend nach Arbeitsschluss zu hämmern, zu sägen und zu schrauben, bis die Festbeiz steht? Warum opfern die Mitglieder des Quartiervereins Ferientage, um Theaterstücke einzuüben? Wie ist es möglich, dass eine Stadt mit 18 000 Einwohnern ein zehntägiges Fest auf die Beine stellt, mit 70 liebevollen Beizen und Hunderten von kulturellen Acts – ein Fest, das fast eine Million Menschen anziehen wird?

Baden ist seit jeher ein Kraftort der Eigeninitiative, des Unternehmergeists und des Wettbewerbs. Mit Steuergeldern finanzierte «Gemeinschaftszentren» wie in den rot-grünen Grossstädten gibt es nicht. Der Spass war hier schon immer privat organisiert.

Mit der Spanischbrötlibahn fuhren die Zürcher auf der ersten Bahnlinie der Schweiz ab 1847 nach Baden, um der zwinglianischen Ordnung zu entfliehen und sich im liberal-katholischen Städtchen zu vergnügen. Es sind die Vereine, das Gewerbe und die Unternehmen – darunter auch grosse wie ABB und Alstom –, die den Takt vorgeben.

Die Politik ist zweitrangig. Möglicherweise würde die Stadt auch ohne Stadtrat funktionieren. Der ist ebenso harmonisch wie profillos – zusammengesetzt aus 3 gemässigten Linken und 4 netten Bürgerlichen. Die SVP muss draussen bleiben, sie ist in Baden traditionell erfolglos und zahm. Dass Stadtammann Stephan Attiger, ein braver Freisinniger, mehr verdient als die Zürcher Stadtpräsidentin (rund 250 000 Franken), sagt weniger über seine Bedeutung aus als darüber, wie die Bürger die Bedeutung ihrer Stadt sehen.

Man ist stolz, Badener zu sein. Man fühlt sich ebenso urban, aber wesentlich sympathischer als die Zürcher, deren Stadtzentrum man mit den SBB in 15 Minuten erreicht. Auf die Kantonshauptstadt Aarau wiederum schaut man mit einer Mischung aus Desinteresse und Verachtung. Eine «SonntagsBlick»-Umfrage, die kürzlich ergab, dass Aarau bei den Schweizern die unbeliebteste Stadt ist, sei in Baden mit Schadenfreude aufgenommen worden, vermerkte die in Aarau domizilierte «Aargauer Zeitung» tadelnd. Da überrascht es auch nicht, dass auf den Badener Schulhausplätzen kaum ein Kind ein FC-Aarau-Leibchen trägt, viele aber mit Basel- oder FCZ-Shirts herumrennen.

Der Badener verspürt einen sonderbaren Drang, sich mit anderen Städten zu vergleichen. Man glaubt, besser zu sein, und hat noch nicht gemerkt, dass viele einst strukturschwache Kleinstädte im Mittelland in den letzten Jahren zugelegt haben und die angeblichen Provinznester Aarau und Olten am Sonntag inzwischen bessere Einkaufsmöglichkeiten bieten als Baden – und auch eine vielfältigere Gastronomie.

Zu ihrem Selbstverständnis passt, dass die Badener, die sich so weltoffen geben und 1992 dem EWR-Beitritt zugestimmt haben, aus einer Laune urbaner Biederkeit heraus die Fusion mit der Nachbargemeinde Neuenhof abgelehnt haben: Die Braut war nicht hübsch und vermögend genug. Baden hätte gemeinsam mit den umliegenden Gemeinden, die alle zusammengewachsen sind, annährend so viele Einwohner wie die Stadt Luzern – doch das ist kein Thema, man bleibt lieber klein und fein. Nicht einmal die Fusion der beiden Fussballklubs von Baden und Wettingen, die in den 80er-Jahren beide in der NLA spielten, hatte je eine Chance. Mit der Folge, dass die Vereine heute in den unteren Ligen kicken.

Es hat wohl aber auch mit diesem Vergleichs-Drang zu tun, dass die Stadt erstaunliche Energien freisetzen kann, wie das Stadtfest zeigt: Jeder Verein will den anderen mit seinem Feststand übertrumpfen, jede Firma, die etwas auf sich hält, will noch etwas origineller sein (die Axpo hat dazu den grössten Tisch der Schweiz zimmern lassen). Und man will von den Zürchern, die zu Tausenden angereist kommen, hören, wie grossartig und kreativ sie dieses Fest und diese Stadt finden.

Ziehen Zürcher dauerhaft in diese Stadt, was immer öfter vorkommt, so integrieren sie sich äusserst schnell. Sie sagen nie «Ich wohne jetzt im Aargau», sondern stets «Ich bin nach Baden gezogen». Der Raum in Baden wird eng, in der Innenstadt sind die Immobilienpreise und Mieten unterwegs Richtung Stadtzürcher Niveau. Eine Badener Genossenschaft, die «Wohnraum für finanziell Schwächergestellte» anbietet, baut ausserhalb des Zentrums 4-Zimmer-Wohnungen, die 2250 Franken Miete kosten. Ein Hohn für eine Familie mit unterdurchschnittlichem Einkommen.

Es sind die bekannten Begleiterscheinungen von Boom und wirtschaftlichem Erfolg. Was in den Zentren der Grossstädte, an der Zürcher Goldküste oder an den Gestaden der Innerschweizer Steuerparadiese seit längerem ein Thema ist, hat auch Baden erfasst. Das Pro-Kopf-Volkseinkommen ist hier inzwischen schweizweit am dritthöchsten.

Das liegt auch daran, dass die Stadt, einst komplett abhängig vom Industrieriesen BBC, den Strukturwandel bemerkenswert gut geschafft hat – um wieder einen Vergleich anzustellen: besser als beispielsweise Winterthur mit Sulzer. BBC bot in Baden einst 22 000 Arbeitsplätze an, heute sind es bei der Nachfolgefirma ABB nur noch deren 2000.

Und doch ist die Gesamtzahl der Jobs heute höher als damals, bei 26 000 – alles ist diversifizierter, dienstleistungsorientierter, auf dem einstigen BBC-Areal gibt es nicht nur ABB und den Grosskonzern Alstom, sondern Dutzende von KMU.

Auch das hat mit dem Geist von Baden zu tun. Hier wurde nicht nach dem Staat gerufen, als BBC/ABB zum Kahlschlag ansetzten, man vertraute auf die Stärke des Standorts, nach und nach wuchsen auf dem Areal neue Bürogebäude und es entstand in einer ehemaligen Industriehalle ein Vergnügungstempel. Hier – das sei in eigener Sache gesagt – wurde über Jahrzehnte eine kleine Lokalzeitung verlegt, aus der heraus eines der heute wichtigsten Schweizer Medienhäuser entstand.

Die Gewinne des «Badener Tagblatts» der Verlegerfamilie Wanner, in dessen ehemaligen Räumlichkeiten dieser Text entsteht, ermöglichten 1996 die Übernahme des rivalisierenden «Aargauer Tagblatts» aus der Kantonshauptstadt, was das Unternehmen AZ Medien hervorbrachte. Zu ihm gehören inzwischen die landesweit drittgrösste Tages- und Sonntagszeitung (AZ und «Der Sonntag»), die grössten privaten Radiosender (Radio 24 und Argovia) und die grössten regionalen TV-Stationen (Tele Züri, Tele M1, Tele Bärn).

Ist es Zufall, dass viele namhafte Journalisten wie der heutige NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann, der langjährige «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Hartmeier oder Ringier-Chefpublizist Frank A. Meyer ihre ersten Texte im «Badener Tagblatt» publizierten?

Irgendwie muss all das mit diesem sonderbaren Kraftort zu tun haben, dessen Bewohner sogar glauben, das Wetter beeinflussen zu können. Für das Stadtfest ist mal wieder prächtiges Sommerwetter angesagt. Logisch!

Sollten Sie hierher reisen: Vergessen Sie nicht, den Badenern zu sagen, wie grossartig und kreativ Sie dieses Fest und diese Stadt doch finden.

Es wird Ihnen nicht schwerfallen. Denn es stimmt.


Phänomen Badenfahrt
Das Fest «Badenfahrt» findet alle zehn Jahre statt, zum letzten Mal 2007. Weil die Badener nicht so lange warten können, veranstalten sie nach fünf Jahren, also jetzt wieder, eine «kleine Badenfahrt», offiziell Stadtfest genannt. Effektiv ist dieses aber ebenso gross - laut dem Zürcher «Tages-Anzeiger» ist es «das grösste und kreativste 10-Tage-Fest der Deutschschweiz». Bei der letzten Durchführung strömten 1 Million Besucher in die Limmatstadt. Die erste Badenfahrt fand 1923 statt; sie gedachte des europäischen Friedenskongresses 1714, an dem der «Frieden von Baden» ausgehandelt wurde, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete. Der Begriff «Badenfahrt» wurde bereits im Mittelalter geprägt, als man aus der ganzen Schweiz und aus Süddeutschlang nach Baden reiste, um im heissen Thermalwasser zu baden. Das Stadtfest dauert noch bis zum 26. August.


* Der Autor wohnt in Baden und ist Chefredaktor des «Sonntags», der seinen Sitz ebenfalls in Baden hat.

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