«Ausweispflicht und Fahnenverbot»

Gaetan Bally - Keystone

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Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport, über Massnahmen gegen Hooligans.

Herr Remund, FCZ-Fans schossen Feuerwerkskörper ins Publikum. Was muss nun getan werden?
Matthias Remund: Wir müssen eine neue Fussballkultur entwickeln mit Nulltoleranz. Und da sie sich leider nicht selber entwickeln kann, braucht es ein klares Korsett. Feuerwerkskörper etwa müssen verboten werden. Sie werden als Waffen benutzt. Das hat sich in Zürich einmal mehr gezeigt.

Nur: Wie lässt sich das durchsetzen?
Wichtig ist, dass man weiss, wer ins Stadion kommt.

Sie wollen eine Ausweispflicht?
Ja. Auch im Ausgang muss man sich für den Besuch gewisser Lokale ausweisen. Weshalb in Stadien nicht? Identitätskontrollen beeinträchtigen die Fankultur nicht.

Wie soll die Identität geprüft werden?
Es gibt Bemühungen, dass sie via Identitätskarte (ID) erfasst wird in Verbindung mit dem Matchticket. Entsprechende Abklärungen laufen. Sie wurden noch vom runden Tisch initiiert.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wer ins Stadion will, muss sich via ID ausweisen. Die ID wird eingelesen. Traurig daran ist, dass man in Zukunft wohl zwei Stunden vor einem Spiel beim Stadion sein muss, ähnlich wie am Flughafen. Spontane Machtbesuche werden kaum mehr möglich sein. So weit haben wir es gebracht. Das ist tragisch.

Was muss noch geschehen?
Grundsätzlich finde ich alle Massnahmen richtig, welche die Kantone vorschlagen. Es braucht ein Gesamtpaket, und die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren ist entschlossen, dies durchzuziehen. Wichtig ist aber auch, dass die Stadien so beobachtet werden können, dass man Übeltäter herausnehmen kann. Das heisst also: Wenn sich Fans zu oft unter ihren Fahnen verstecken, muss man diese verbieten.

Ein massiver Eingriff in die Fankultur.
Na und? Natürlich sind Fahnen für Fans ein Heiligtum. Die Sicherheit hat aber Priorität. Werden Fahnen missbraucht, sind Massnahmen nötig. Noch haben es die Fans in der Hand, dass es nicht so weit kommen muss. Polizisten und Stadionbetreiber beklagen sich jedoch darüber, dass sich Fans immer wieder unter Banderolen und Fahnen verstecken, maskiert wieder auftauchen und Fackeln abbrennen. Die Täter lassen sich dann nicht eruieren. Mich stört es, dass man das Vermummungsverbot im Stadion nicht rigoros durchsetzt.

Fahnenstangen werden offenbar auch als Waffen benutzt.
Selbst wenn ich Durst habe, darf ich keine Mineralwasserflasche ins Stadion mitnehmen. Fahnenstangen aber, die als Waffe benutzen werden können, sind erlaubt. Da hört die Verhältnismässigkeit auf. Ich betone aber, dass es immer um einen sehr kleinen Teil der Fans geht. Es ist sehr wichtig und richtig, dass der Dialog mit den Fans aufrechterhalten wird. Als ich noch Verwaltungsrat bei YB war, konnte man sich auf die Aussagen der Capos der Fanorganisationen verlassen. Zumindest bis 2004. Wie das heute ist, weiss ich nicht. Aber ich denke, die Fanorganisationen haben die Fans nicht mehr so im Griff wie damals.

Polizisten weigern sich gar, Täter aus den Fansektoren zu holen. Aus Angst.
Ich weiss persönlich von Polizisten, die selber oder deren Familien bedroht werden. Auch Sicherheitschefs von Stadien werden bedroht. Das ist nicht ungeheuerlich.

Müssten die Fangruppen mehr tun, um schwarze Schafe auszuschliessen?
Die Dachorganisation der Fanorganisationen am runden Tisch hat mich beeindruckt. Wir entwickelten mit ihr das Handbuch für Fanarbeit. Mit diesen Leuten kann man reden. Aber das genügt offenbar nicht. Die Fanorganisationen müssen anerkennen, dass sie nicht mehr Herr und Meister der Situation sind. Ansonsten müsste man davon ausgehen, dass sie dies durch Inaktivität tolerieren. Deshalb muss rigoros vorgegangen werden.

Tragen die Klubverantwortlichen nicht eine Mitschuld? Der EHC Biel wirbt mit «Fight for Biel», einem Plakat, das die Spieler mit Waffen zeigt.
Als Organisatoren der Spiele tragen die Klubfunktionäre immer eine Verantwortung. Diese Plakate sind in der Tat eine Provokation. Die Spieler mit ihren Waffen symbolisieren die römische Kultur des Wettkampfs auf Leben und Tod. Wir wollen das griechische Modell: Sport hat erzieherische Wirkung, sorgt für gesunden Geist und gesunden Körper – der Spitzensport hat eine Vorbildrolle für Nachwuchs- und Breitensport. Nur so verdient er sich seine Sonderstellung. Der Spitzenfussball muss aufpassen, dass er sie nicht verliert.

Weshalb?
Damit er seine Sonderstellung behält, darf er in den Stadien keine Gewalt zulassen. Oder nehmen wir das Beispiel Korruption bei den internationalen Fussballverbänden oder der Spielmanipulation: Vereine und Verbände müssen als Vorbilder vorangehen. In letzter Zeit schien dies nicht mehr erste Priorität zu haben.

Wie erklären Sie sich das?
Business und Show werden immer wichtiger. Will der Sport im Spitzenbereich aber nur noch Geld machen, verliert er seine Sonderstellung.

Vergass der Fussball seine Wurzeln?
Er muss sich auf seine Grundwerte zurückbesinnen.

Eine harte Analyse.
Das höchste Gut ist der Sport in seiner vielfältigen Wirkung. Betrachtet sich der Fussball nur noch als Business, tangiert das die Unterstützung der öffentlichen Hand. Der Bund würde sich dann etwa beim Bau von Sportanlagen nicht mehr fragen, was der Sport der Bevölkerung bringt. Sondern er wird eine reine Investorenhaltung einnehmen: Was bringt diese Anlage dem Bund wirtschaftlich? Verliert der Sport seine positive Wirkung auf die Gesellschaft, kann er keine Sonderstellung mehr in Anspruch nehmen.

Das heisst: Der Bund könnte Subventionen kürzen?
Ich kann mir vorstellen, dass aus der Politik entsprechender Druck kommen könnte.

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