VON KATIA MURMANN

Ihr Entschluss fiel, als sie hörte, dass auch Schweizer Priester Kinder sexuell missbraucht haben. «Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht», sagt Marie W.* aus Basel. «Die Kirche hatte mich schon vorher enttäuscht. Deshalb bin ich vor drei Wochen mit meinem Mann und meinem Sohn ausgetreten.» Leicht sei ihnen die Entscheidung nicht gefallen, sagt die 49-jährige Hausfrau. «Mein Mann und ich sind sehr gläubig.» Sie leide unter ihrer Entscheidung: «Aber ich hatte keine andere Wahl.»

Marie W. ist eine von vielen. In Scharen laufen der katholischen Kirche derzeit die Gläubigen davon – wegen der Missbrauchsfälle, die in den letzten Monaten bekannt geworden sind. Erstmals belegen jetzt Zahlen, wie massiv der Mitgliederverlust tatsächlich ist:

Die Berner Landeskirche rechnet damit, dass es in diesem Jahr mindestens 15 Prozent mehr Austritte geben wird als im letzten Jahr.

In der Stadt Basel verabschiedeten sich im März und April 274 Gläubige von der Kirche, fünfmal mehr als im Januar und Februar. Insgesamt gaben 57 Personen explizit an, wegen des Missbrauchskandals aus der Kirche auszutreten.

Die katholische Kirche in der Stadt Luzern verzeichnete im Januar und Februar gerade einmal 16 Austritte – im März und April stieg die Zahl auf 130, das ist achtmal so viel!

Die Pfarrei Peter und Paul in Aarau verzeichnete im März und April 44 Austritte – im Januar und Februar waren es gerade einmal zehn gewesen.

Die grösste Zürcher Pfarrei Heiligkreuz hat in den ersten vier Monaten dieses Jahres sogar schon mehr Mitglieder verloren als sonst in einem Jahr: Bisher gab es 36 Austritte, normal sind es pro Jahr an die 30.

Der Exodus der Gläubigen bereitet den Kirchenoberen Sorge: Kurt Koch, der Bischof von Basel, schrieb in dieser Woche einen Brief an 1,7 Millionen Katholiken in seinem Bistum. Er mache sich grosse Sorgen um die Situation der Kirche, so Koch: «Wir erleben eine Krise, die sich auch darin äussert, dass zahlreiche Menschen nun all ihre Vorbehalte, ihr Unverständnis und ihre Schwierigkeiten, die sie mit der kirchlichen Hierarchie haben (…), auch in diesen Zusammenhang stellen und sich von der Kirche und vielleicht sogar vom Glauben «verabschieden». Ihn schmerze jede einzelne Person, die sich nun von der Kirche abwende, so der Bischof weiter.

Die Gemeinden stehen dem Mitgliederschwund hilflos gegenüber. In Luzern sucht der Kirchenrat nun nach Massnahmen, um das Vertrauen der Gläubigen langfristig wieder aufzubauen. Kurzfristig aber glaubt man nicht, dass man die Ausgetretenen leicht zurückgewinnen kann: «Wir bieten jeweils ein Gespräch an und gehen im Antwortbrief auf genannte Gründe ein», sagt Xaver Pfister von der katholischen Kirche in Basel- Stadt. Das Interesse an diesen Gesprächen sei aber äusserst klein. Pfister: «Der Entscheid ist normalerweise definitiv und unhinterfragbar gefallen.»

Auch Marie W. aus Basel will der Kirche keine Chance mehr geben – statt dessen ist sie nun auf der Suche nach einer neuen religiösen Heimat. «Es müsste eine Organisation für Ausgetretene geben, wo man sich austauschen kann», sagt Marie W. Die katholische Kirche muss also auf der Hut sein: Bei der zunehmenden Zahl der Ex-Kirchgänger könnte ein solcher Verein schon bald mehr Mitglieder zählen als die Kirche selbst.

*Name der Redaktion bekannt

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