VON YVES CARPY

Die Abwehrschlacht der Grossbanken gegen die neue Regulierung erhält eine überraschende Wende: Ausgerechnet die Kantonalbanken ergreifen jetzt Partei für die Grossbanken und dafür, dass diese weiterhin eine implizite Staatsgarantie geniessen dürfen und im Notfall nicht untergehen können.

Dabei waren die Kantonalbanken die grössten Profiteure der Finanzkrise. Im Höhepunkt der Verunsicherung unter den Bankkunden jagten etwa die Aargauische und die Zürcher Kantonalbank mit dem Hinweis auf ihre Staatsgarantie der UBS, aber auch der Credit Suisse Tausende von Kunden ab. Die Kantonalbanken schwammen im Geld und sprangen auch in die Bresche, als Industriekonzerne verzweifelt Kredit suchten.

Heute hat man umgedacht: «Keine andere Bankengruppe als die Grossbanken sind dauerhaft in der Lage, unsere global tätige Industrie praktisch an jeden Ort auf der Welt zu begleiten und zu unterstützen», sagt Rudolf Dellenbach, Chef der Aargauer Kantonalbank, dem «Sonntag». Und eine Nestlé, Norvartis, Roche, ABB oder Swatch seien für Schweizer Verhältnisse ebenso überdimensioniert wie die UBS oder die CS.

Die politischen Forderungen nach «too big to Fail»-Massnahmen greifen für Dellenbach zu kurz. Laut ihm «sichern uns diese Riesenkonzerne Arbeitsplätze, ermöglichen dem Fundament der Schweizer Wirtschaft, nämlich den KMU, über Zulieferungen die Existenz und versteuern bedeutende Erträge in der Schweiz.» Und er warnt, ohne UBS und CS gerieten die Konzerne in Abhängigkeit von ausländischen Banken, welche die Kredite in der Krise nicht erneuern wollten.

Andere Kantonalbanken-Chefs teilen die Meinung: «Ich sehe die Notwendigkeit der Grossbanken ein», sagt etwa Gottfried Weber, Chef der Schwyzer Kantonalbank. «Aber sie müssen auf einem soliden Fundament stehen.» Und ZKB-Präsident Urs Oberholzer hält es aus wettbewerbspolitischen Gründen sogar für sehr wichtig, «dass es mehrere starke Universalbanken gibt». So greifen viele Kantonalbanken auf Leistungen der Grossbanken zurück, wie kleinere Privatbanken auch: «Die kleineren Privatbanken brauchen die Grossbanken für die Devisen- und Wertschriftengeschäfte ihrer Kunden», sagt etwa Hans-Peter Portmann, Direktor der LGT Bank in Zürich und Zürcher FDP-Kantonsrat.

Diese Woche kam die Expertengruppe des Bundes zur Lösung des «too big to fail»-Problems wieder zusammen. Dort liefern sich die UBS- und CS-Vertreter einen Grabenkampf mit den Vertretern der Nationalbank und Finanzmarktaufsicht: Nationalbank-Vizepräsident Thomas Jordan beharrt darauf, dass sich die Banken so organisieren, dass man die für die Wirtschaft essenziellen Funktionen in Krisensituationen herauslösen kann. Er drohte ihnen im Interview mit dem «Sonntag» mit «einem Eingriff durch die Behörden».

Doch CS-Präsident Hans-Ulrich Dörig dreht den Spiess um: In einem öffentlichen Vortrag macht er jetzt die «konstruktive Mitarbeit» seiner Bank von der «Durchsetzungskraft unserer Regulatoren auf internationaler Ebene» abhängig. So lange wehrt er sich nur schon gegen höhere Anforderungen ans Eigenkapital. Zudem droht er wie zuvor UBS-Chef Oswald Grübel mit dem Wegzug, falls die Schweizer Bankenregeln viel schärfer würden als jene im Ausland.

Mehr bewegt sich zurzeit hinter den starren Fronten: Die beiden Grossbanken lobbyieren massiv bei Wirtschaftsvertretern und Politikern. Bereits kippten die Parteispitzen von FDP und CVP. Nun fand das UBS/CS-Duo auch in den Kantonalbanken Verbündete. Allerdings fordern diese einhellig dickere Eigenmittelpolster für die beiden Grossbanken.

Innerhalb der Bankiervereinigung hält einzig Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz dagegen: «Wenn die Quintessenz lautet, wir haben die beiden Banken und wir können sie nicht fallen lassen, dann ist das eine Bankrotterklärung für den Wettbewerb. Dann zementieren wir das Problem der Staatsgarantie. Die Frage ist: Will der Steuerzahler in der Not wieder einspringen müssen?»

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