Und plötzlich ist sie da, die Grenze. Schweizer Autohäuser buhlen um deutsche Kunden, auf deutscher Seite werben Plakate für «Kontaktbars» und «Grenzpakete für die Schweiz». In Singen ist sichtlich Wahlkampf. «Einer von uns» will gewählt werden. Kriegsdenkmäler in den Dörfern künden von vergangenem Leid, Solarzellen auf den schwäbischen Häusle vom unbedingten Willen, die Energiewende zu schaffen.

Schon bald ist klar: Deutschland ist das ideale Veloland. Die Vorliebe der Deutschen für üppige Frühstücksbuffets kommt dem Velofahrer ebenso entgegen wie die zahlreichen Radwege, die besser ausgebaut und unterhalten sind als jene in der Schweiz. Nur die Beschilderung könnte manchenorts besser sein.

Auf der jungen Donau, die hier tatsächlich noch schön und blau ist, lassen sich Schlauchboote und Kanus treiben. «Wir fahren bis Ulm», ruft ein junges Pärchen vergnügt. Hier darf der Fluss mäandern, verträumte Landstädtchen säumen das Ufer. Das mächtige Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt markiert die Grenze zu Bayern. Hier beginnt Biergarten-Land.

Eine Fahrt durch Deutschland ist auch eine Fahrt durch seine bewegte Geschichte. In kaum einer Stadt ist die Vergangenheit so sichtbar wie in Nürnberg. Das riesige Reichsparteigelände zeugt vom Wahnsinn der Nazis. Wo Hitler jedes Jahr 200 000 Anhänger versammelte und die Nürnberger Rassegesetze verkündete, finden heute Autorennen und Konzerte statt. Die Kanzel des «Führers» dient als Zuschauertribüne, es klicken die Kameras von Touristen.

Auf der anderen Seite der Stadt kann seit drei Jahren der Gerichtssaal besichtigt werden, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg die Nürnberger Prozesse gegen die schlimmsten Kriegsverbrecher und Völkermörder stattfanden. Saal 600, in dem Göring, Streicher & Co. zum Tod verurteilt wurden, wird immer noch für Gerichtsverhandlungen gebraucht. Soeben geht eine zu Ende.

Heute ist Nürnberg eine quirlige, multikulturelle Grossstadt, in der es mehr türkische, indische und spanische Restaurants zu geben scheint als fränkische Bier- und Haxen-Stuben. Doch die Wunden des Kriegs sind noch überall sichtbar. Nürnberg, einst eine der schönsten deutschen Städte, ist heute ein architektonischer Flickenteppich. Mittelalterliche Gebäude und Nachkriegs-Betonbauten stehen bunt gemischt nebeneinander.

Vierzig Kilometer nördlich liegt eine der reizvollsten Landschaften Deutschlands, die Fränkische Schweiz. Entfernt erinnert sie mit ihren bewaldeten Kalkhügeln, auf denen imposante Burgruinen stehen, tatsächlich an den schweizerischen Jura. Sie ist eine von weltweit mindestens 191 «Schweizen». Allein in Deutschland ermittelte Schweiz Tourismus 67 Gebiete, die den Titel Schweiz im Namen tragen.

Das Velofahren macht hier richtig Spass. Obwohl wir uns gemäss deutschem Massstab in einem «Mittelgebirge» befinden, sind keine grossen Anstiege zu bewältigen. Die Strassen führen in tief eingeschnittene Täler, von dort in zwei, drei Kurven über eine Kuppe und über ein anderes Tal wieder in die Ebene.

Bald ist Bayreuth erreicht, wo überall Wagner-Fieber herrscht. Wir aber wollen weiter, der ehemaligen DDR-Grenze zu. Hinter Hof ändert der Dialekt, noch auf bayrischem Terrain wird schwer sächsisch gesprochen. In Jägersruh, dem letzten Dorf vor der Grenze, ist die deutsch-deutsche Trennung längst vorbei, auch in den Köpfen. Drei Wessis und ein Ossi sitzen friedlich vereint im Gartenrestaurant. Man liebt sich, man neckt sich. «Warst du das, der die Löcher in die Strassen gebaut hat?», wird der ehemalige Bauarbeiter aus der DDR angezündet. «Du mit deiner Zigarettenschmugglerei hast unser Land in den Abgrund getrieben», gibt der zurück.

An der Grenze selbst erinnert ein grosses Schild an den früheren Grenzverlauf. «Hier waren Deutschland und Europa bis zum 21. Dezember 1989 um 8 Uhr geteilt», verkündet es. Daneben steht die ehemalige DDR-Grenzsäule, nur das Staatswappen wurde entfernt. In der Landschaft ist immer noch zu erkennen, wo der 500 Meter breite «Schutzstreifen» lag. Er war von jedem Bewuchs befreit und nachts grell beleuchtet, um allfällige «Grenzverletzer» rasch zu orten. Noch heute wachsen hier Gras und Getreide kümmerlicher als links und rechts des Sperrgebiets.

Die erste Grossstadt in Sachsen, Zwickau, ist gegenüber früher nicht wieder zu erkennen. Vor zwanzig Jahren noch bot sich Besuchern ein schauerliches Bild: Die meisten Altstadthäuser waren zerfallen, die Wände schwarz wie Kohle, die Dächer einsturzgefährdet – nicht nur aus Geldmangel oder Nachlässigkeit, sondern weil das DDR-Regime die Häuser abdecken liess, damit es hineinregnete. Morsch sollte die mittelalterliche Stadt entsorgt werden, um dem neuen Deutschland Platz zu machen.

Heute leuchtet Zwickau wieder, wie viele andere sächsische Städte. Schade eigentlich, dass so wenige Wessis hierher finden. Wenig erinnert mehr an die frühere Hochburg des DDR-Autobaus. Nur vereinzelte Trabis fahren durch die Stadt, in der das Leichtbauauto während 34 Jahren hergestellt wurde. Auch Leipzig ist eine einladende Stadt geworden. Wären da nicht die Plattenbauten zwischen den totalsanierten Altstadthäusern, man könnte meinen, man sei in Düsseldorf oder Köln. Die gleichen Shoppingcenter, die gleichen Restaurantketten, etwas charakterlos das Ganze. Der grösste Kopfbahnhof Europas verleiht der Stadt aber Grandezza.

Südlich des Siedlungsgürtels ist seit der Wende eine neue Landschaft entstanden. Wo einst in gigantischen, tristen Tagebauminen Kohle gefördert wurde, liegt heute eine Kette bezaubernder Seen. Strandrestaurants, Schiffsvermietungen, Campingplätze und kleine Pensionen sind aus dem Boden geschossen. Der Tourismus gibt neue Arbeitsplätze.

Auf der anderen Seite der Stadt drehen unzählige Windräder, ebenfalls ein willkommener neuer Erwerbszweig. Sie verleihen der topfebenen Landschaft Kontur. Bis Wittenberg ist es nun nicht mehr weit. Hier soll der Reformator Martin Luther 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt haben.

Auf dem grossen Marktplatz ist gerade ein Mittelalterfest, Met wird ausgeschenkt, Bänkelsänger machen die Runde, auf einer Streckbank wird einer nach Kräften gefoltert, seine Frau schiesst ein Beweisfoto. «Wir haben’s recht gekocht und angerichtet», begrüsst ein mannshoher Luther auf der Werbetafel eines Restaurants die Gäste.

Ein letzter leichter Anstieg, dann sind die ersten Vororte Berlins erreicht. Die früheren West-Berliner geniessen die neu gewonnene Freiheit, ins Umland zu reisen, das ihnen während 28 Jahren versperrt war. Die vielen Seen und Flüsse rund um Potsdam sind voll mit Wochenendurlaubern, Schiffe werden ausgeführt, Wasserskifahrer vollführen ihre Künste.

An der Glienicker Brücke zeigt sich die DDR noch ein letztes Mal. Genau in der Mitte der Brücke markierte ein weisser Strich die Grenze zwischen der DDR und West-Berlin. Er ist heute noch da. Für die Bevölkerung war die Brücke gesperrt. Spektakuläre Agentenaustausche fanden hier statt.

Dann geht alles ganz schnell. Auf der Ostseite der Brücke beginnt Berlin, das sich zur Velostadt gemausert hat. Auf besten Velowegen ist in einer Stunde das Brandenburger Tor erreicht. Der Kilometerzähler bleibt nach sieben Tagen bei 867 stehen. Deutschland – ein Sommermärchen auf zwei Rädern.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!