Vorfall eins: Im Zentrum Aarwangen verschwand im Frühling plötzlich die Mutter zweier Kinder. Es bestand die Gefahr, dass der Vater, der sich anderswo in der Schweiz aufhielt, die Kinder kidnappte. Doch die Heilsarmee realisierte erst am Tag nach dem Verschwinden, dass die Kinder auf sich alleine gestellt waren. Statt unverzüglich Kinderschutzmassnahmen einzuleiten, informierte sie die Polizei erst mit zwei Tagen Verspätung.

Vorfall zwei: Im Durchgangszentrum Halenbrücke kam es im letzten Herbst zu einer schweren Messerstecherei. Das Opfer landete im Spital, der Täter flüchtete. Drei Stunden geschah nichts. Bis die Heilsarmee realisierte: Der Täter könnte erneut auftauchen. Sie alarmierte erst dann die Polizei.

Die Berner Behörden bestätigen die Recherchen auf Anfrage. «Die Heilsarmee hat in ihren Zentren keinen einheitlichen Betriebsstandard», sagt Iris Rivas, Leiterin des Migrationsdiensts des Kantons Bern. Im Durchgangszentrum Enggistein in Worb der Heilsarmee waren die Mängel derart gravierend, dass die Behörden es innerhalb von 24 Stunden schliessen liessen. «Die BKW hielt anscheinend schon im vorherigen Winter in einem Schreiben fest, das der Heilsarmee vorlag, dass es hier aufgrund der bestehenden Mängel jederzeit brennen könne», sagt Rivas.

Recherchen zeigen auch, dass die Heilsarmee das geschlossene Enggistein im Gespräch mit Mario Gattiker, Direktor des Bundesamts für Migration (BFM), als Bundeszentrum anbot. Heilsarmee wie Kanton bestätigen dies. Ende Juni kündigte die Heilsarmee aber den Mietvertrag und soll alles ausgeräumt haben: Löffel, Betten, Tücher und sogar die selbst gebastelten elektrischen Installationen. «Der Kanton war der Erstausrüster», sagt Rivas. «Dabei wurden jeweils rund 80 000 Franken investiert. Zusätzlich zur Unterbringungspauschale.»

Die Heilsarmee erhält mehr als 20 Millionen vom jährlichen Berner Asylkuchen von 70 Millionen Franken. Anfang Jahr hat der Kanton ein schärferes Regime installiert. Er beschäftigt als einziger Kanton zwei Migrations-Inspektoren. Defizitgarantien gibt er keine mehr ab. Und er will jetzt wissen, wo alleine in den letzten sechs Jahren total mindestens 6,2 Millionen Gelder hinflossen, deren Verwendung umstritten ist:

Zentrum Enggistein: 2011 zahlte der Kanton der Heilsarmee total 1,9 Millionen für Unterbringung, Unterstützung, Betreuung und Verwaltung. Alleine die Unterbringungskosten wurden mit 397000 Franken vergütet. Bei einem Mietzins von 120000 Franken entsteht ein Differenzbetrag von 277000 Franken pro Jahr. Was mit ihm geschah, ist unklar. Der Mietvertrag Enggistein existierte seit dem 1. Januar 2006, womit total 1,7 Millionen umstritten sind.

Defizitgarantien: 2010 und 2011 erhielt die Heilsarmee total 2 Millionen. Rivas sagt: «Dass die Heilsarmee Verluste macht, ist uns aufgrund des grossen Überschusses unverständlich.»

Integrationsbeitrag: Die Heilsarmee profitierte auch vom Integrationsbeitrag des Kantons. Er betrug, wohl von 2008 bis Mitte 2012, 700 Franken pro Person und Jahr und wurde der Heilsarmee für jene Asylsuchenden ausbezahlt, die auf Wohnungen verteilt sind. «Wir wollen im Sinne der Transparenz wissen, wem dieser Beitrag zugute kam», sagt Markus Aeschlimann, Geschäftsleiter des Amts für Migration und Personenbestand (MIP). Bei 775 Asylsuchenden macht das 0,5 Millionen pro Jahr, seit 2008 2,5 Millionen. «Wir wollen wissen, wohin diese Gelder flossen und wozu genau sie eingesetzt wurden», sagt Aeschlimann. Deshalb hat der Kanton die KPMG beauftragt, die Geldflüsse an alle Partnerorganisationen, die Leistungsverträge und das Controlling zu untersuchen, wie die «Berner Zeitung» schrieb. Im Fokus steht allerdings die Heilsarmee. Aeschlimann: «Ich will von ihr Transparenz.»

In anderen Kantonen finden in jedem Quartal detaillierte Finanzkontrollen statt. Dass Bern das bisher nicht tat, sei ein Fehler, gesteht Aeschlimann ein: «Wir hätten viel früher hinschauen sollen, schon vor 15 oder 20 Jahren. Oder als das Asylwesen vom Gesundheits- ins Polizeidepartement transferiert wurde.» Aeschlimann, der damals wie Rivas nicht im Amt war: «Aber man kann ja auch schlauer werden.»

Die Heilsarmee bestreitet die Vorwürfe. Zu den Finanzen sagt Paul Moti, Geschäftsleiter der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe: «Wir betreuen mit 220 Mitarbeitern 1500 Personen an 11 Standorten und Wohnungen mit 20 Millionen Budget pro Jahr. Jeder Rappen wird nach besten kaufmännischen Regeln direkt eingesetzt oder geht in die Reserven, unter anderem, um allfällige Schliessungen sozialverträglich gestalten zu können.» Kein Rappen werde zweckentfremdet.

Zu den Vorfällen: «Natürlich gibt es bei uns Vorfälle. Es kann sein, dass wir nicht immer schnell genug reagierten. Den Fall der Kinder haben wir aber richtig gelöst.» Zu Enggistein: «Diese Schliessung war eine Überreaktion, die Verhältnisse waren längst bekannt, hätten keine so übereilte Reaktion erfordert.» Und was die Einrichtung betrifft: «Über die Besitzverhältnisse kann ich keine Auskunft geben. Die meisten Dinge waren nichts mehr wert. Wir haben sie entsorgt.»

Mori spricht von einer Projektion: «Die kantonale Administration will damit von ihren eigenen Schwierigkeiten und der Überforderung mit anderen Anbietern ablenken.» Er spricht von Defiziten und Rechtsunsicherheit: «Seit Anfang 2011 haben wir keinen neuen Vertrag.» Und von vielen kantonalen Asylstrategien: «Aber bis heute wurde nichts umgesetzt.» Mori: «Scheinbar soll nun jene Organisation, die vor 30 Jahren mit Pionierleistungen im Kanton begann, plötzlich den schwarzen Peter erhalten.»

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