Es ist, als beträte man ein Fantasiereich: Wer in der schicken Avenue Victor Hugo unweit des Pariser Triumphbogens die Treppen zur «Edition Albert René» hochsteigt, wähnt sich in einem Spielzeugladen. Überall Gallier-Helme, und zahllose andere Gadgets aus der Asterix-Serie von Texter René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo – deren Vornamen dem Verlag den Namen gegeben haben.

Zum Interview erscheint aber keine der Comic-Legenden, sondern ein hochgewachsener Mann mit grauen Haaren und jugendlichem Gesicht, der nur Comic-Insidern in Frankreich ein Begriff ist: Didier Conrad. Der 54-jährige Halbschweizer zeichnete das neuste Album «Asterix bei den Pikten».

Für das Gallierdorf im Hinterwinkel der Bretagne ist Band 35 eine Revolution: Zum ersten Mal überhaupt stammt die Zeichnung nicht von Uderzo, der seit dem Tod Goscinnys 1977 auch für den Inhalt der Sprechblasen verantwortlich zeichnete. Heute 86 Jahre alt, überlässt der aus Italien gebürtige Chefzeichner Uderzo die Fortsetzung seines Werkes jüngeren Autoren. Den Text steuerte der Franzose Jean-Yves Ferri bei; Didier Conrad sprang in die Bresche, nachdem ein erster Zeichner ausgestiegen war.

Conrad ist der Erfolgsdruck nicht anzumerken. Locker erzählt der Franko-Schweizer über seine Knochenarbeit. Über seine Beziehung zur Schweiz weiss er weniger zu sagen: Er habe die Heimat einer seiner beiden Pässe nur drei- oder viermal besucht. Seine Eltern stammen aus der Westschweiz – sie aus Vevey, er aus Neuenburg. Geboren und aufgewachsen ist Conrad aber in Marseille, wo sein Vater als Lehrer tätig war.

Mit 14 veröffentlichte Didier im franko-belgischen Magazin «Spirou» sein erstes Comic. Mit dem Texter Yann schuf er später die angesehene, teils nicht ganz jugendfreie Serie «Les Innommables». 1996 änderte sich sein Leben, als er in den Spielberg-Studios Dreamworks an einem Trickfilm mitarbeitete: Conrad liess sich gleich in Los Angeles nieder.

Dort ereilte ihn der Anruf Uderzos. Der Asterix-Mitbegründer hatte zuvor seinen Chefzeichner für Nebenprodukte als Nachfolger auserkoren, doch dieser war nicht in der Lage, die Herkulesarbeit zu erledigen. Dem Routinier Conrad blieb für «Asterix bei den Pikten» nur wenig Zeit. Vom Album ist nicht viel mehr bekannt, als dass es in Schottland spielt.

Als Erstes machte sich Conrad mit den Sitten der unbekannten Pikten vertraut. Hätte er lieber «Asterix bei den Helvetiern» gezeichnet? Uderzo habe das 1996 ganz gut hingekriegt, schmunzelt der Halbschweizer. Er selbst fühle sich eher von Sonne und Palmen als Bergen angezogen. «Am liebsten», meint er mit Blick auf das kühle Herbstwetter in Paris, «wäre mir ein Comic über Afrika».

Herr Conrad, wie fühlt es sich an, in die Fussstapfen einer lebenden Legende wie Albert Uderzo zu treten?
Didier Conrad: Ich war überrascht, dass ich überhaupt kontaktiert wurde. Auch wenn ich von klein auf in der Comic-Welt lebe, war Asterix nicht unbedingt mein Universum. Es ist aber auch beeindruckend: Uderzo ist ein Comic-Gigant, ja ein Pionier: Mit Asterix lancierten er und René Goscinny die ganze Branche; sie öffneten die Comic-Welt einem breiten Publikum.

Ist es nicht erdrückend, so grossen Namen zu folgen?
Ich habe es überlebt (lacht). Zugegeben, am Anfang war es mir, als würde eine Tonne Wasser auf mich stürzen. Da kam allzu vieles zusammen – die Aussicht, für die bekannteste Comic-Serie der Welt zu arbeiten, dazu der Zeitdruck, die inhaltlichen Vorgaben und der notwendige Respekt für den Asterix-Geist. Ehrlich gesagt, realisiere ich erst langsam, was da drinsteckt, um es jetzt nach und nach zu verarbeiten.

Langsam schlafen Sie wieder gut?
Komischerweise habe ich während der Arbeit immer gut geschlafen – bloss sehr wenig.

Hand aufs Herz: Ist Asterix überhaupt ohne Goscinny und Uderzo denkbar?
Denkbar ist alles. Aber der Erfolg eines solches Unterfangens ist nie garantiert. Jedes Album muss sich neu rechtfertigen.

Puristen werden von Verrat sprechen.
Ach, das tun sie, seit Goscinny gestorben ist (1977). Ich glaube, wir – der Texter Jean-Yves Ferri und ich – respektierten die Kontinuität, indem wir machten, was uns selber berührte, beeindruckte und anregte. So hatten wir nie den Eindruck, bloss ein Produkt zu fabrizieren. Uderzo liess uns zudem die Freiheit, vorzugehen, wie wir wollten. Er hat einen sicheren Instinkt, auch wenn er die Ausarbeitung genau mitverfolgte.

Wie genau?
Ich zeigte ihm die Bleistiftzeichnungen Seite für Seite, und er korrigierte einiges. Das war mir recht, denn Uderzo spürte dank seiner Erfahrung mit Asterix viel schneller als ich, wo es ein Problem gab. Er geleitete mich durch das Abenteuer und er half öfters. Mit der Zeit intervenierte er immer seltener.

Waren Sie froh, in Los Angeles zu sein, weit entfernt von Übervater Uderzo?
Gewiss, das machte vieles entspannter. Wegen der neunstündigen Zeitverschiebung rief mich Uderzo nur um Mitternacht an. So bekam ich nie zu hören: «Was haben Sie mir da zugeschickt!? Sie haben das letzte Mal für mich gearbeitet!» Die Regel waren vielmehr höfliche Mails der Art: «Dank für Ihre Anregung, ich werde sie gerne berücksichtigen.»

Früher zeichneten Sie mit «Les Innommables» provokative Comics – wenn dem Verleger etwas zu gewagt war, stoppten Sie das ganze Projekt.
Da war ich jung (lacht)!

Man kann auch mit 50 noch etwas riskieren. Auch bei Asterix?
Oh là là – Vorsicht! Versuchen Sie nicht, sich mit Uderzo anzulegen (lacht)! Er ist der Patron, und er nennt Jean-Yves und mich, die wir doch auch keine Schulbuben mehr sind, «les garçons».

Haben Sie als Comic-Routinier bei dieser neuen Arbeit etwas gelernt?
Oh ja. Zum Beispiel, dass ich viel weniger gut zeichne, als ich meinte (lacht). Die Asterix-Serie hat ihren eigenen Stil, den muss man sich aneignen. Ich bin noch nicht sicher, ob ich ihn meistere.

Worin besteht er denn?
Im Kontrast zwischen Goscinnys subtilem Texthumor und Uderzos expressiver Bildsprache. Sie ist sehr lebendig, animiert, während die französisch-belgische Comic-Schule, die mir geläufig ist, relativ kodifiziert und wenig wechselhaft ist. Nehmen Sie die Schlümpfe – da ähneln sich die Gesichter meist. Uderzo zeichnete die Personen, Posen und Haltungen hingegen ungeheuer lebensecht, mit reichhaltigen Emotionen, ständig wechselndem Gesichtsausdruck.

Bringt man die Leute damit zum Lachen?
Unter anderem. Eine Person kann gut gezeichnet sein, aber ohne zum Schmunzeln zu bringen. Am Schwierigsten ist es zu spüren, wie weit man den Gesichtsausdruck «treiben» muss, damit er lustig wirkt. Diese Dosierung ist das Charakteristische einer Serie. Nehmen Sie «Asterix als Legionär» (1967); da geraten römische Soldaten zehn- bis fünfzehnmal in Rage, aber zehn- bis fünfzehnmal auf verschiedene Art, mit einem verschiedenen Ausdruck. Das ist Uderzos Kunst.

Von Ihnen war also alles andere als eine Schablonenarbeit gefragt.
Ja, das musste ich zuerst lernen, obwohl ich in meinem Beruf ein Veteran bin. Das war viel und harte Arbeit – sogar für einen Schweizer! Uderzo hatte einen drauf, er konnte fünf Seiten in einer Woche zeichnen. Andere brauchen für einen Comic-Band neun Monate. Ich hatte weniger Zeit und beherrschte nicht einmal den Stil. Dabei zählt jedes Detail, in jeder Zeichnung, auf allen Seiten.

Können Sie uns sagen, worum es in dem neuen Album geht?
Um die Pikten. Über dieses keltische Volk aus Schottland weiss man wenig. Das hat auch eine gute Seite – so bleibt einiger Raum für die Fantasie. Das Album ist eine gute Gelegenheit, die Ursprünge der Schotten kennen zu lernen.

Allzu ausgabefreudig dürften sie in dem Album nicht dargestellt werden . . .
Goscinny stellte die Gallier, wie alle anderen Völker, immer sehr wohlwollend dar. Der Humor visierte nicht die negativen Seiten und war nie abschätzig, sondern freundschaftlich, auf der Idee einer gemeinsamen Humanität beruhend.

Rührt diese Gemeinsamkeit daher, dass die Macher von überall stammten – Goscinnys Eltern aus Polen, die Uderzos aus Italien, Sie aus der Schweiz?
Vielleicht ist Asterix deshalb sehr französisch und zugleich sehr universell, wenn er gegen die Übermacht der Römer Widerstand leistet.

Sollte Asterix auch mit der Zeit gehen und sich globalisieren?
Nein. Vergessen Sie die Bedingungen jener Epoche nicht: Zu Fuss oder auf dem Ochsenwagen kam man nicht weit.

Also wird es nie einen «Asterix bei den Chinesen» geben?
Einmal kam Asterix immerhin nach Indien. Aber China scheint mir zu weit weg. Vielleicht könnte man einen Chinesen in den hintersten Winkel der Bretagne kommen lassen.

Gut, bleiben wir in Europa. Warum wird die EU nie verballhornt – als würdige Nachfolgerin des römischen Reiches?
Da sollte man vorsichtig bleiben.

Zu politisch für Asterix?
Zu schwierig, um auf jene Zeit übertragen zu werden. Goscinny liebte Anspielungen auf die Aktualität, aber immer im historischen Kontext. Das ist der Rahmen, und den können Sie auch mit dem besten Humor nicht sprengen.

Tritt wenigstens Sean Connery bei den Pikten auf?
Nein, er war bei Asterix schon 1981 in «Die Odyssee», in Aktion, damals als James Bond. Aber keine Angst, im neuen Album werden ein paar prominente Figuren aus der Gegenwart vorkommen.

Gibt es Pläne für ein weiteres Album?
Ja, aber die stecken erst im Anfangsstadium. Sicher ist nur, dass sich die Geschichte im Dorf abwickeln wird, gemäss der ehernen Regel, dass auf einen Band mit einer Reise ein Band mit einer Dorfgeschichte folgt.

Werden Sie das Album zeichnen?
Das hängt nicht von mir ab.

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