Die Zeitbombe Asbest tickt in 80 Prozent aller Schweizer Häuser. «Sämtliche Bauten, die vor 1990 erstellt worden sind, können in irgendeiner Form Asbest enthalten», heisst es bei der Schweizerischen Unfallversicherung Suva – also mehr als eine Million Ein- und Mehrfamilienhäuser, Wohnblocks sowie Überbauungen. Dazu kommen Zehntausende von öffentlichen Gebäuden, in denen der krebserregende Baustoff enthalten ist.

Dazu gehören Schulen, Kindergärten, Spitäler, Kirchen, Verwaltungsgebäude, Schwimmbäder, Büro- und Gewerberäume sowie Einkaufszentren. Asbest wurde dabei fast überall verwendet: in Dächern, in Böden, Fliesen, Fensterkitt, als Brand- und Isolierschutz, in Heizungsräumen oder als Blumentöpfe vor den Fenstern.

Das Asbest-Problem rückte diese Woche wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, als Stephan Schmidheiny, der ehemalige Chef der weltweit tätigen Schweizer Asbestfirma Eternit AG, in Turin (I) zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Das Gericht befand ihn für schuldig, in vier italienischen Eternit-Werken Sicherheitsmängel missachtet und so den Asbesttod von mehr als 2000 Arbeitern und Anwohnern in Kauf genommen zu haben. Schmidheiny zieht das Urteil weiter. Auch in der Schweiz sterben Menschen, weil sie bei der Arbeit Asbeststaub eingeatmet haben: Laut Suva gibt es hierzulande 100 Todesopfer pro Jahr.

Asbest, fast ein Jahrhundert lang als segensreicher Baustoff gehandelt, wird heute zum Fluch für Liegenschaftsbesitzer. Seine Blütezeit erreichte der Baustoff in den 70er-Jahren. Viele in dieser Zeitperiode gebaute Häuser müssen jetzt saniert werden. Eine Asbest-Sanierung kostet, je nach Umfang, Zehn- bis Hunderttausende von Franken.

Die hohen Kosten sind auch ein Grund, dass Gemeinden die Renovation öffentlicher Gebäude wie Schulen, Gemeindehäuser usw. nicht einer Asbest-Sanierung unterziehen. Laut Experten-Schätzungen wird die Entfernung und Entsorgung des krebserregenden Baustoffes in den nächsten Jahren Milliarden von Franken verschlingen.

Ein besonderes Problem bei den Sanierungen stellt das zunehmende Heer der Heimwerker dar. Die meisten von ihnen wissen nichts von der Asbestgefahr, die in ihren Häusern lauert. Wer zum Beispiel einen Novilon-Boden unsachgemäss herausreisst oder Fliesen in Küche und Badzimmer erneuert, könnte sich mit grösseren Mengen von Asbeststaub kontaminieren.

Dass mit der giftigen Substanz nicht zu spassen ist, zeigt die aktuelle Suva-Kampagne: «Prüfen Sie vor 1990 erstellte Objekte auf Asbest» (http://www.suva.ch/startseite-suva/praevention-suva/arbeit-suva/asbest-suva. htm). Das Ziel der Kampagne: Hauseigentümer zu motivieren, ihre Liegenschaften einer professionellen Asbest-Abklärung unterziehen zu lassen und sie danach professionell zu sanieren.

Der einstige Wunderstoff sorgt nicht nur bei der Entfernung für grosse Probleme. Da ökologisches Wohnen im Trend liegt, verlangen Mieter vermehrt Auskunft darüber, ob die Wohnung frei von Asbest sei. Wo Gift drin ist, wird die Vermietung in Zukunft schwieriger werden. Noch gravierender sind die Folgen für Hausbesitzer, wenn sie ihre Liegenschaft zum Verkauf anbieten. Enthält das Gebäude Asbest, kann der Käufer die Kosten nach unten drücken. Er hat ein gutes Argument dafür: Bei einer Sanierung, sei es auch Jahre später, muss er die teure Asbestentfernung aus dem eigenen Sack zahlen.

Im Gegensatz zu den noch wenig auf die Asbestproblematik sensibilisierten Hausbesitzern wissen die verantwortlichen beim Bund und den Kantonen besser Bescheid über die tickende Zeitbombe. Seit den 80er-Jahren gibt es die ominöse «4000er-Liste». Die nach wie vor unter Verschluss gehaltenen Liste, die dem «Sonntag» vorliegt, enthält, fein säuberlich nach Kantonen aufgelistet, die Namen von Tausenden öffentlicher Asbest-Gebäude. Aus unerfindlichen Gründen wurde die Liste erst 2004 den Kantonen zugestellt.

Eine Kurzumfrage bei zehn Kantonen zeigt jetzt erste positive Resultate. Gebäude, die auf der Liste die höchste Gefahrenstufe aufweisen, werden prioritär saniert. So sind beispielsweise im Kanton Solothurn 72 Gebäude total- und 41 teilsaniert worden. 60 Liegenschaften sind allerdings noch nicht vom Asbest befreit. Der Kanton Aargau lässt seine Liegenschaften systematisch auf Asbest prüfen. Gebäude mit Dringlichkeitsstufe eins sollen dann jeweils innerhalb eines Jahres fachgerecht saniert werden. Ähnlich sieht es beim Bund und Militär aus. Auch sie prüfen ihre Liegenschaften nach Asbestvorkommen und sanieren nach Dringlichkeitsgrad. In Zahlen ausgedrückt: Die Suva hat in den letzten zehn Jahren rund 8500 Asbestsanierungsobjekte gemeldet bekommen. Bei über einer Million Asbest-Häusern ist dies kein Grund zur Entwarnung, sondern nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein.

Die Resultate der Kantons-Umfrage finden Sie im nächsten «Sonntag»

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