VON OTHMAR VON MATT UND CHRISTOF MOSER

Ein Kandidat, der inzwischen aus dem Rennen ist, rieb sich die Augen. «Unglaublich, welche Maschinerie Karin Keller-Sutter in Gang gesetzt hat», erzählt er. «Ein ganzer Tross begleitet sie. Und selbst das letzte Detail ist geplant.» Chef der Operation «Keller-Sutter in den Bundesrat» ist FDP-Nationalrat Werner Messmer (TG). «Ich führe die Gruppe», bestätigt er. Ihr gehören noch an: FDP-Ständerat Hans Altherr (AR), FDP-Nationalrätin Marianne Kleiner (AR), FDP-Nationalrat Walter Müller (SG) und Ständeratspräsidentin Erika Forster (SG).

Vor allem aber Kommunikationsexperte Peter Weigelt. Der Verwaltungsrat der Mediapolis AG ist auf dem politischen Parkett kein Unbekannter. Der Ex-Nationalrat krempelt zurzeit im Auftrag von Ueli Maurer die VBS-Kommunikation um. 2003 war der damalige Nationalrat Weigelt schon einmal Königsmacher – bei Hans-Rudolf Merz.

«Herr Weigelt ist unser Betreuer im Bereich Öffentlichkeitsarbeit», bestätigt Messmer. Er habe sehr direkte Kontakte zur Gruppe und zu Keller-Sutter selbst. Deren Auftritt an der Delegiertenversammlung der FDP des Kantons St. Gallen habe Weigelt stark mitgeprägt. «Er überprüfte die Rede, gab Tipps.» Keller-Sutter selbst gibt sich reserviert, wird sie nach der Rolle Weigelts befragt. «Ich habe Peter Weigelt kein Mandat erteilt», betont sie. «Ich habe in der Ostschweiz eine breite Unterstützung und er unterstützt selbstverständlich meine Kandidatur.»

Weigelt leiste die «PR-Beratung» als «FDPler mit Leib und Seele» natürlich kostenlos, sagt Messmer. Er erklärt Keller-Sutters professionelles Networking damit, «dass sie vielen Parlamentariern nur aus Fernsehen und Presse» bekannt sei. Die Gruppe hat eine Strategie entwickelt, von deren Erfolg Messmer überzeugt ist: Keller-Sutter soll möglichst gemeinsam mit allen Kandidaten auftreten. «Darauf bauen wir», sagt Messmer. «Weil sie im Vergleich einfach gut ist.»

Überzeugungsarbeit für sich selbst muss auch SP-Favoritin Simonetta Sommaruga leisten. Trotz mehreren Angeboten verzichtete sie auf professionelle Berater für das Rennen um den Bundesratssitz. Als gut vernetzte Ständerätin in Bundesbern habe sie das nicht nötig, heisst es aus ihrem Umfeld. Trotzdem steigt die Nervosität in ihrem Lager, zu dem unter anderem auch SP-Fraktionschefin Ursula Wyss und Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer gehören.

Wyss, so wird ihr attestiert, hat sich in der Kandidaten-Ausmarchung spürbar zurückgehalten, um nicht als Fraktionschefin in den Ruch der Parteilichkeit zu geraten. Die übrigen Sommaruga-Fans in der SP-Fraktion lobbyierten intensiv dafür, dass auf das SP-Zweierticket Jacqueline Fehr und nicht Hildegard Fässler gehievt wurde.

Fässler, so die Überlegung der Sommaruga-Strategen, wäre für die Bürgerlichen die grössere Verlockung gewesen, um mit ihrer Wahl den Einzug von SP-Spitzenkandidatin Sommaruga zu verhindern. Zumal Fehr wie SVP-Bundesrat Ueli Maurer aus dem Kanton Zürich stammt und damit Simonetta Sommarugas Nachteil abschwächt, dass mit Johann Schneider-Ammann ein weiterer Berner für die Regierung kandidiert. Doch genau die Kantonszugehörigkeit könnte für Sommaruga zum Stolperstein werden.

Die Nervosität des Sommaruga-Lagers gründet darauf, dass sich in den letzten Tagen unter Parlamentariern die Stimmen häuften, zwei Berner im Bundesrat seien einer zu viel. «Zürich ist der wichtigste Schweizer Wirtschaftsstandort, da vermag es zwei Zürcher im Bundesrat leiden», sagt zum Beispiel Grünliberalen-Präsident Martin Bäumle, selber ein Zürcher. In Bern wiederum hält man das für typische Zürcher Arroganz.

Trotz der nach aussenzur Schau getragenen Freundschaft der beiden SP-Kandidatinnen schenken sich die beiden Unterstützungslager nichts. Sommaruga wurde diese Woche in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» gegrillt, weil sie zuerst für den tiefen Umwandlungssatz bei den Pensionskassen war und dann umgeschwenkt hat. Stichwortgeber für das Interview war das Fehr-Lager, wie ein Mitglied unumwunden zugibt.

Andererseits werden über Fehr, die auch auf professionelle Beratung verzichtet, in der SP derzeit auffallend gehäuft Geschichten aus der Vergangenheit herumgeboten, zum Beispiel Fehrs unrühmliche Rolle in der Intrige gegen die frühere SP-Präsidentin Ursula Koch.

Nervosität hat sich auch im Lager von FDP-Kronfavorit Johann Schneider-Ammann breitgemacht. Dem Unternehmer ist eingefahren, dass Widersacherin Keller-Sutter von der Fraktion als Erste nominiert wurde, wie Insider bestätigen. «Das war für ihn eine grosse Enttäuschung», ist auch Messmer aufgefallen. Überrascht ist man im Lager Schneider-Ammans auch, wie schnell sich in der FDP zwei klare Lager gebildet haben. Er hoffe, sagt ein Vertrauter, dass die FDP im Wahlprozedere klug handle.
Die vier Kandidaten von FDP und SP sind so gut wie selten. Und die Ausmarchung ist damit so hart wie selten.

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