Der Stress am Arbeitsplatz hat zugenommen. Das besagt eine Studie des Schweizerischen Staatssekretariats für Wirtschaft, die das Seco vergangene Woche veröffentlicht hat. Doch Ärger und Frust im Job fliessen in den privaten Alltag – und umgekehrt. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind massiv.

Laut den neusten Zahlen des Bundes haben im vergangenen Jahr 240905 Personen in der Schweiz eine IV-Rente bezogen. Davon hatten 100736 Personen eine psychische Erkrankung – das sind 41,8 Prozent. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor waren es noch 31 Prozent. Beunruhigend ist, dass der Anteil der IV-Zugänge infolge psychischer Krankheiten in den jüngeren Altersgruppen überproportional hoch ist: Allein bei den 18- und 19-Jährigen ist deren Anteil in den letzten drei Jahren um 38 Prozent gestiegen.

«Die grösste Zunahme sehen wir bei den reaktiven Störungen. Diese sind von aussen mitbedingt, wie etwa arbeitsplatzassoziierte Erkrankungen», sagt der Arbeitsmediziner Dieter Kissling. Das heisst: Über die Hälfte aller Fälle der psychischen Erkrankungen haben einen Zusammenhang mit der Situation am Arbeitsplatz.

In der Tat weisen Untersuchungen zum Thema Arbeit und Gesundheit darauf hin, dass psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz eine wichtige Ursache von psychischen Erkrankungen darstellen. Einerseits ist die Zunahme auf eine grössere Häufigkeit zurückzuführen, andererseits gibt es eine bessere Diagnostik und eine höhere Akzeptanz von psychischen Krankheiten. Kissling: «Der wirtschaftliche Erfolg hat seinen Preis. Die Menschen werden zwar älter, die Zunahme der psychischen Erkrankungen führt zu einer schlechteren Lebensqualität.»

Diese Abwärtsspirale stellt auch Matthias Hilpert, Leitender Arzt der Psychiatrischen Dienste Aargau, fest: «Die Zahl der Patienten steigt auch bei uns stetig. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen wegen einer Depression, einer Angsterkrankung oder einer Suchterkrankung zu uns kommen. Im Verlauf der Behandlung stellt sich dann heraus, dass Stress am Arbeitsplatz bei der Krankheitsentstehung eine entscheidende Rolle gespielt hat.»

Häufig reagieren Menschen auf Stresssituationen mit einem Burnout: Sie sind emotional erschöpft, hegen einen Hass auf Kunden oder Mitarbeiter und sind kaum mehr leistungsfähig. «Die Konsultationen haben sich seit 2007 verdreifacht. Stresserkrankungen, Burnout und Erschöpfungsdepressionen machen mittlerweile fast die Hälfte der Fälle aus», sagt Thomas Ihde-Scholl, Chefarzt Psychiatrischer Dienst Interlaken. Die häufigste Diagnose: Schwierigkeiten, sich einer veränderten Situation anzupassen. «Das sind psychische Probleme aufgrund von Stresssituationen.»

Dabei spielen meist Mehrfachbelastungen eine Rolle. «Zur Unsicherheit am Arbeitsplatz kommt etwa noch eine Scheidung hinzu», sagt Ihde-Scholl. Bereits Lehrlinge würden sich ambulant wegen Burnout behandeln lassen. Um den Arbeitsalltag zu bewältigen, würden sie «bis zu zehn Red Bulls am Tag» konsumieren. Ihde-Scholl sagt: «Chronische Stresssituationen äussern sich oft in Schlafproblemen oder Konzentrationsstörungen.»

Die Betroffenen stammen aus allen Branchen und weisen sich oft selber in eine Klinik ein, zum Beispiel in die Berner Privatklinik Wyss. «Unsere Patienten kommen aus dem mittleren und oberen Management. Darunter sind Banker, Versicherungsangestellte, Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Polizisten und sogar Verwaltungsangestellte. Sie sind zwischen 30 und 50 Jahre alt», sagt der ärztliche Direktor Franz Caduff. Seine zehn Plätze seien praktisch immer besetzt mit Burnout-Patienten – es gibt eine Warteliste. «Das hängt mit dem wirtschaftlichen Druck zusammen. Die Arbeit macht viele krank. Oft sind es dann auch noch mehrere Probleme gleichzeitig, die zusammenkommen», sagt Caduff.

Das Seco schätzt den durch Burnout und Stress verursachten volkswirtschaftlichen Schaden für ärztliche Behandlung, Medikamente und Produktionsausfall auf jährlich 4,2 Milliarden Franken. Darin nicht eingerechnet sind die sozialen Folgekosten. Auch diese steigen von Jahr zu Jahr.

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!