Letztlich ging es um seine Kinder. «Der Hacker wollte nicht ins Gefängnis gehen und seine Kinder zurücklassen», erklärte ein Ermittler gegenüber US-Medien. Deshalb habe sich Hector X.M. entschlossen, mit dem FBI zu kooperieren. Fortan war Hector X.M. der Spitzel in der berüchtigten Hacker-Gruppe LulzSec und versorgte das FBI über Monate hinweg mit Informationen.

Diese Woche war es dann so weit. Das FBI schlug gleich mehrfach zu und verhaftete fünf Hacker – in London, Irland und Chicago. Für die Ermittlungsbehörde dürfte es eine grosse Genugtuung gewesen sein, musste sie sich doch bis dahin einiges gefallen lassen. Anfang Februar tauchten nämlich im Internet Mitschnitte von einer streng vertraulichen Telefonkonferenz zwischen dem FBI und dem Scotland Yard auf. Darin ging es just um die Hacker, welche das Tondokument letztlich erbeuteten und ins Netz gestellt haben. Das FBI war blossgestellt und wurde von den Hackern verhöhnt.

Das nun ausgehebelte Hacker-Kollektiv LulzSec wird oft als der «bewaffnete Arm» von Anonymous bezeichnet, einer Gruppe von Internet-Aktivisten. Ihre Methode besteht darin, Websites von Organisationen und multinationalen Konzernen lahmzulegen – und teilweise auch in Systeme einzudringen, um geheime Informationen zu erbeuten und ins Internet zu stellen.

Wirkliche Hacker sind die wenigsten der Anonymous-Aktivisten. Um eine Website mit einer so genannten «Distributed Denial of Service»-Attacke zu überlasten, braucht man kaum vertiefte Computerkenntnisse. Es reicht, wenn mehrere hundert Leute ein entsprechendes Programm installieren, das massenhaft Anfragen an den Server einer Website verschickt. Anonymous-Aktivisten vergleichen eine solche Attacke mit einem Sitzstreik – gesetzlich gesehen handelt es sich hingegen um kriminelle Aktionen.

«An Anonymous ist so interessant, dass die Anhänger eigentlich nie vorhatten, politisch zu werden. Trotzdem bewegen sie sich in diese Richtung», schreibt die amerikanische Anthropologin Gabriella Coleman. Ihren Ursprung hat die Gruppe in den Tiefen des Internets, dort, wohin sich die wenigsten Netznutzer jemals verirren, im Webforum 4chan. Hier werden oft schockierende, sexistische und rassistische Bilder gepostet. Eine Zensur gibt es nicht – alles ist erlaubt ausser Kinderpornografie.

Es herrscht auf 4chan kein Namenszwang. Die meisten Nutzer melden sich einfach mit «anonym» respektive mit «anonymous» an. Hier haben sich die Aktivisten von Anonymous gefunden, um später dann ihre Botschaften über die Kanäle von 4chan hinaus in die Weite des Netzes zu tragen. Zum ersten Mal war das 2006 der Fall, als eine Invasion von gleich aussehenden Avataren die Teenager-Onlinewelt «Habbo Hotel» blockierte. Dabei ging es vor allem um den Spass an der Sache, um die Lacher oder – im Internet-Jargon – um die «lulz».

Doch je mehr Leute sich der Bewegung anschlossen, desto mehr politisch motiviert wurden die Aktionen. So legte Anonymous während des Arabischen Frühlings 2011 die Website der tunesischen Regierung lahm und unterstützte die Aufständischen mit technischem Internet-Support. Anonymous verbrüderte sich aber auch mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Bei den Protesten auf der Strasse dürfte vielen zum ersten Mal die weisse Grinsmaske aufgefallen sein, mit der sich Anonymous-Anhänger gern tarnen. Sie zeigt ein stilisiertes Konterfei des katholischen Fanatikers Guy Fawkes, der 1606 in London das Parlament in die Luft sprengen wollte. In der Populärkultur wurde Guy Fawkes durch den Comic «V for Vendetta» bekannt. Hier wird die Maske von einem dunklen Rächer getragen. Die ideale Identifikationsfigur für Anonymous.

«Wir sind Anonymous. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns.» So lautet die Beschwörungsformel der Bewegung. Dabei weiss man gar nicht so genau, wofür denn eigentlich Anonymous steht. Begibt man sich in die Chat-Foren, wo sich die Anhänger treffen, bekommt man unterschiedliche Antworten. «Es geht uns um uneingeschränkte Informationsfreiheit», schreibt ein Aktivist. «Die ganze Scheisse, die momentan überall auf der Welt passiert, Unterdrückung des Volks, Lobbyismus in der Politik, dagegen muss man doch etwas tun», sagt einer, der sich als Schweizer zu erkennen gibt. «Unter den Segeln von Anonymous kann jeder segeln», bringt es ein anderer auf den Punkt.

Anonymous ist keine fest umrissene Gruppe. Jeder kann sich der Bewegung zuwenden. Es gibt kaum Strukturen und keine Hierarchien. Wogegen man sich wendet, was das Ziel der nächsten Aktion sein wird, das wird in öffentlich zugänglichen Chats besprochen. Jeder kann seine Vorschläge einbringen, was Zuspruch erfährt, wird weiterverfolgt.

Der französische Philosoph Michel Foucault hat in den 70er-Jahren den Begriff der Mikrophysik der Macht geprägt. Gemeint ist damit, dass es nur möglich ist, die Macht einer Institution «an ihren äussersten Punkten, an ihren letzten Verästelungen, dort, wo ihre Kanäle haarfein sind, zu erfassen». Für Anonymous gilt das ganz besonders. Die Macht der Bewegung ergibt sich nur aus den Machtverhältnissen der einzelnen Mitglieder zueinander.

Es gibt keine feste Stossrichtung. Wer Anonymous auf eine Ansicht zu reduzieren versucht, verrennt sich zwangsläufig. Man kommt nie über persönliche Meinungen hinaus. Klar sind irgendwie alle für die Freiheit – im Netz und auch in der Welt. Doch wo diese beginnt und wo sie aufhört, das ist nicht klar. Auch nicht, welche Mittel zu ihrer Erlangung probat sind.

In ihrem eben erschienenen Buch «We are Anonymous» vergleichen die Spiegel-Online-Redaktoren Konrad Lischka, Ole Reissmann und Christian Stöcker Anonymous mit Wikileaks: «Beide zeigen den etablierten Institutionen, dass ihnen mit der Verbreitung des Internets die Kontrolle zu entgleiten droht.» Ein signifikanter Unterschied – auf den die Autoren hinweisen – besteht aber darin, dass Wikileaks vor allem das Werk des charismatischen Einzelgängers Julian Assange ist, während Anonymous ein loses Kollektiv ist, das nicht von Einzelpersonen abhängt – und damit auch nicht so schnell durch die Festnahme einzelner mundtot gemacht werden kann.

Anonymous ist ein Phänomen, das in dieser Form nur im Internet entstehen konnte und seine Wirkung vor allem in Internet entfaltet. Doch je mehr sich Wirtschaft und Politik ins Netz verlagern, desto effektiver sind auch die Attacken von Anonymous. Und wer in diesem Kampf zwischen Aktivisten und Behörden die Mechanismen und Strukturen des Netzes besser kennt, der behält die Oberhand.

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