Frau Widmer, bereitet Ihnen die Swissness-Gesetzesvorlage Sorgen?
Annemarie Widmer: Nein, wir sind für eine konsequente Umsetzung und unterstützen die Branchenverordnung des Schweizer Kosmetik- und Waschmittelverbands, der sich bei diesem Thema mit dem Uhrenverband zusammengeschlossen hat. Unsere Vorlage wäre strenger als jene des Bundesrates und verlangt, dass mindestens 60 Prozent der Herstellkosten in der Schweiz anfallen müssen.

Der Inhalt Ihrer Cremen stammt aber nicht aus der Schweiz.
Es geht um den Herstellungsprozess. Viele der Wirk- und Hilfsstoffe einer Creme werden in der Schweiz nicht gefördert und sind somit nicht erhältlich, wie zum Beispiel bestimmte Vitamine oder Fettstoffe wie Jojoba- oder Olivenöl. Diese bezieht die Kosmetikindustrie gezwungenermassen aus dem Ausland. Unsere Wertschöpfungskette findet in der Schweiz statt, von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Abfüllung, Konfektion und zum Vertrieb. Wenn immer möglich arbeiten wir mit Schweizer Lieferanten zusammen.

Es gibt viele Kritiker der Swissness-Vorlage, vor allem in der Lebensmittelindustrie. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich kann nur für die Kosmetikbranche sprechen. Wir setzen uns stark für den Schutz der Marke Schweiz ein. Ich war vor einiger Zeit an einer Dermokosmetik-Messe in Dubai und da gab es Produkte, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Die warben mit Swiss, Swiss made, Made in Switzerland und so weiter. An denen ist garantiert nichts schweizerisch. Es darf nicht sein, dass jede «Chlütterlibude» die Marke Schweiz missbrauchen und jeder davon profitieren kann, ohne die hohen Schweizer Kosten in Kauf zu nehmen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Geschäftsentwicklung?
2012 war sicher nicht einfach, aber der Umsatz hat unseren Erwartungen entsprochen. Im Ausland, wo wir 75 Prozent unseres Umsatzes erzielen, konnten wir bis zu 7 Prozent zulegen, insbesondere in Deutschland.

In den letzten zwei Jahren schnitt auch Louis Widmer bei Preisvergleichen mit Deutschland schlecht ab. Zuweilen waren identische Produkte bis zu 66 Prozent teurer.
Das aktuelle Missverhältnis der Wechselkurse favorisiert die Euro-Endkonsumenten im Währungsvergleich selbsterklärend. Damit gehören wir zu den eurogeschädigten Schweizer KMU, die dennoch am Wirtschaftsstandort Schweiz festhalten – seit 53 Jahren. Und unsere Preisanpassungen sind immer sehr moderat, europaweit.

Wenn Sie im Ausland die Preise nicht erhöht haben, haben Sie bestimmt Umsatz verloren.
Klar haben uns die Währungseinbussen getroffen, und in den Schweizer Grenzregionen haben wir Umsatzabflüsse gespürt. Wir haben aber trotzdem schwarze Zahlen geschrieben, sowohl in der Schweiz als auch im Ausland. Wir konnten neue Apotheken als Partner gewinnen und mit bestehenden wachsen. Die Lancierung neuer Produkte und Kostenoptimierungen haben ebenfalls zum guten Resultat beigetragen.

Wie sehen Ihre Wachstumsziele aus?
Dieses und nächstes Jahr möchten wir vor allem international stark wachsen, in einigen Märkten dürften wieder 7 Prozent möglich sein. Wir konzentrieren uns auf den Export in Europa und haben spannende Kontakte in neuen Märkten, zum Beispiel in Schweden. In Österreich und in der Schweiz haben wir beinahe eine hundertprozentige Abdeckung im Fachhandel. Dort werden wir sicher nicht mehr allzu stark wachsen. In Deutschland ist das Potenzial hingegen noch riesig.

Sie verdienen Ihr Geld mit Schönheitsprodukten, die die Haut schöner und glatter machen sollen. Kommt Schönheit nicht von innen?
Natürlich kommt Schönheit von innen – aber man kann nachhelfen. Mit dermatologischer Hautpflege kann man der Haut Bestandteile zurückgeben, die sie mit der Zeit verliert. Man kann die Haut nicht verjüngen, aber man kann den Alterungsprozess etwas verlangsamen.

Das Geschäft mit Botox, Fettabsaugen, Busenvergrösserungen, Haartransplantationen oder Lifting boomt. Wie erklären Sie sich diesen Trend?
Ich persönlich halte das für eine sehr krankhafte Entwicklung unserer Gesellschaft. Dieser Wahn nach Jugendlichkeit . . .

. . . den verkaufen Sie ja auch!
Nein, wir verkaufen dermatologische Hautpflege. Wir pflegen gesunde und kranke Haut. Wir sind ein pharmazeutischer Betrieb und werden vom schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic kontrolliert.

Sind denn Falten unsexy?
Nein, Fältchen sind etwas Schönes. Sie zeigen das wahre Gesicht, unsere Geschichte, sie zeichnen uns, sind Teil der Persönlichkeit. Ich möchte kein faltenloses, total straffes Gesicht voller Botox, sodass sich gar nichts mehr bewegt. Aber Anti-Aging ist ein Trend und auch ich benutze Anti-Falten-Creme. Ab dreissig Jahren spricht man schliesslich von Altershaut, früh beginnen lohnt sich also.

Sie haben die Firma vor einigen Jahren von Ihrem verstorbenen Vater übernommen. Gegründet wurde sie von Ihrem Grossvater Louis-Edouard Widmer. War für Sie von Anfang an klar, dass Sie das Zepter übernehmen würden?
Nein, aber es war eine sehr grosse Ehre, als mein Vater mir sein Lebenswerk übergab. Ich bin mittlerweile schon zehn Jahre in der Firma, seit acht Jahren in der Geschäftsleitung. Ich kenne also das Geschäft.

Sie wollten nie einen anderen Job?
Ich wollte schon früher im Familienbetrieb arbeiten. Aber mein Vater wollte, dass ich mir zuerst die Hörner abstosse. Also arbeitete ich im Marketingbereich eines Verlags. Als ich meinem Vater sagte, ich mache auch ohne dich Karriere, ging es plötzlich schnell und er holte mich zu sich. Er wollte halt einfach sehen, dass ich es auch allein schaffe.

Was machen Sie anders als Ihr Vater und Ihr Grossvater?
Sie haben die Firma gegründet und ein solides Fundament gebaut, und ich versuche nun, Wachstum zu generieren. Bei der Führung sind wir sehr flach organisiert. Wir übergeben den Teams enorm viel Verantwortung.

Ihr Vater war der traditionelle Patron?
Absolut. Aber patronaler Führungsstil tönt oft nach etwas dominant Negativem und Verstaubtem. Ist es aber nicht. Für mich ist ein Patron etwas sehr Gutes. Mein Vater war die beschützende Figur. Er war ein Vater für alle Mitarbeiter. Wir alle wussten, wenn irgendetwas schief geht, wird er es wieder richten.

Fühlen Sie sich als Führungsfrau in der Schweizer Wirtschaft als Ausnahme?
Wir haben viele tolle Frauen in der Schweizer Wirtschaft. Aber wenn Sie ans Swiss Economic Forum oder andere Veranstaltungen gehen, müssen Sie die Frauen suchen. Ich bitte deshalb die Frauen, etwas nach vorne zu stehen!

Wie lange möchten Sie die Firma weiterführen?
Ich bin jetzt 33, meine Arbeit hat erst begonnen.

Und wenn Sie Kinder haben . . .
. . . dann zwinge ich sie dazu, die Firma zu übernehmen! (lacht) Nein, natürlich nicht. Aber selbstverständlich würde es mich freuen, wenn die Firma über die dritte Generation hinaus in Familienhand bleibt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!