Anna* ist anders als andere Kinder. Das erkennt ihre Mutter schon bald nach der Geburt: «An ihren Augen habe ich gemerkt, dass mit Anna etwas nicht stimmt.» Annas Augen starren ins Leere, sie lacht ihre Eltern nicht an. Das Erlernen der Sprache fällt ihr schwer, in der Entwicklung hinkt sie hinterher. Als sie drei Jahre alt ist, spielt sie kaum mit anderen Kindern, lieber ist sie in ihrem Zimmer und zeichnet.

Mit vier wird bei Anna die Autismusstörung Asperger-Syndrom diagnostiziert. Der Kinderarzt will Ritalin verschreiben, die Eltern wehren sich und wechseln den Arzt. Statt Medikamente einzunehmen, geht Anna fortan in die Heilpädagogik und in die Sprachförderung. Später, als Anna zur Schule geht, hat sie Mühe, dem Unterricht zu folgen. Sie schliesst zwar Freundschaften und findet zwei, drei Kolleginnen, mit denen sie gerne spielt. Doch lieber zieht sie sich in ihre Fantasiewelt zurück.

In der dritten Klasse wechselt der Lehrer – und die Probleme in der Schule nehmen zu. Dann taucht er auf, der grosse Mann mit dem langen schwarzen Mantel, dem spitzen Hut und der markanten Brille. Er legt seine schwere Hand auf Annas Schulter. Sie spürte es genau und erschrickt, als er zu ihr spricht: «Ich beschütze dich.» Der Mann heisst Alucard und ist ein Vampir. Fortan begleitet er sie zur Schule. Zu ihrer Mutter sagt Anna: «Er ist anders als die andern, er ist wie ich.»

Der Lehrer hat kein Verständnis für die Gestalt in Annas Fantasie-Welt. Sie lenke Anna ab und störe den Unterricht, sagt er. Der Kinderpsychologe, von dem Anna seit einiger Zeit betreut wird, rät, Alucard in den Unterricht einzubeziehen. Der Lehrer stellt sich quer. Annas Mutter versucht, ihrer Tochter zuzureden, dass sie ohne Alucard in die Schule gehen soll. Das Mädchen schreit laut. Dann fragt sie leise: «Mama, bin ich verrückt?» – «Nein», antwortet die Mutter ihrer 11-jährigen Tochter, «du bist nur anders.»

Der Kinderpsychologe überweist Anna an das Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen in Bern (FETZ). Er glaubt, dass Anna an einer «very-early-onset»-Psychose leiden könnte. So bezeichnet man Psychosen, die vor dem 13. Lebensjahr beginnen – in Abgrenzung zu «early-onset»-Psychosen mit Beginn der klar psychotischen

Symptome zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr. Dabei wird bewusst offen gelassen, ob es sich um Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis handelt oder um eine manisch-depressive Erkrankung.

Die meisten Psychosen treten erst im Erwachsenenalter auf – man spricht hier von «adult-onset»-Psychosen. Nur bei maximal 15 Prozent aller Fälle – hier variieren die Angaben teils erheblich – handelt es sich um «early-onset»-Psychosen. Dass bereits Kinder im Alter von Anna an einer Psychose erkranken, ist äusserst selten. Kindern und Jugendlichen wurde lange eine schlechte Besserungschance zugesprochen.

Das änderte sich 2007, als der Berner Psychiatrie-Professor Benno Schimmelmann den Krankheitsverlauf von «early-onset»-Psychosen mit jenem von «adult-onset»-Psychosen verglich, und feststellte, dass das Gros der Erwachsenen bereits ein bis sechs Monate nach dem Ausbruch der Psychose therapiert werden, während viele Kinder und Jugendliche zwei Monate bis zwei Jahre ohne Behandlung bleiben.

Wurde die Dauer der unbehandelten Psychose, die sich in vielen Studien als ungünstig für die Verlaufsprognose erwiesen hat, beim Vergleich von «early-» und «adult-onset»-Psychosen berücksichtigt, so fand sich kein Unterschied in der Besserungsrate mehr. «Psychosen bei Kindern lassen sich wohl so gut behandeln wie bei Erwachsenen. Das Problem ist, dass die Psychose erst spät erkannt wird», sagt Frauke Schultze-Lutter, Psychologin an der Universität Bern.

«Bei der Früherkennung und Behandlung von Psychosen bei Kindern und Jugendlichen besteht ein grosser Bedarf an Studien», schreiben Schimmelmann und Schultze-Lutter in einem kürzlich publizierten Fachartikel. Denn die Konzepte zur Früherkennung, die hauptsächlich an Erwachsenen entwickelt wurden, lassen sich nicht ohne weiteres bei Kindern und Jugendlichen anwenden. Das bislang einzige Instrument zur Früherkennung von Psychosen bei Kindern und Jugendlichen ist das «SPI-CY» – die Buchstaben stehen für «Schizophrenia Proneness Instrument, Child and Youth version».

Der Fragebogen zur Psychose-Abklärung wurde von Frauke Schultze-Lutter in Zusammenarbeit mit der Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiatrie konzipiert. Dabei werden die sogenannten Basissymptome genauer betrachtet – kleine Wahrnehmungsverschiebungen und subtile Störungen im Denken.

Denn die wenigsten Psychosen fangen mit Wahnvorstellungen und dem Hören von Stimmen an. Meistens bemerkt der Betroffene schon vorher, dass etwas mit ihm nicht stimmt – etwa wenn er konzentriert nachdenken will und sich völlig unerwartet das Bild eines weissen Kaninchens aufdrängt, oder wenn die Wandtafel plötzlich kurz rot erscheint. «Ein einzelnes Symptom macht jemanden allerdings noch nicht zu einem Risikokandidaten. Dafür müssen verschiedene Symptome zusammen und relativ häufig auftreten», sagt Schultze-Lutter.

Für die Entwicklung des «SPI-CY» hat die Psychologin 32 «early-onset»-Fälle genau analysiert und gemerkt, dass die Basissymptome bei Kindern und Jugendlichen in anderen Kombinationen als bei Erwachsenen auftreten. Hinzu kommen erschwerende Umstände beim Erkennen der Symptome.

Viele Jugendliche antworten etwa auf die Frage: «Hast du manchmal ganz kurz das Gefühl, dass dich fremde Leute auf der Strasse anschauen?» oft mit Ja. «Fragt man dann genauer nach, so merkt man, dass der Teenager nur das Gefühl hat, von Gleichaltrigen angeschaut zu werden. Etwas was in diesem Alter, in dem man sich viel mit Altersgenossen vergleicht, durchaus normal ist», sagt Schultze-Lutter. Für solche spezifischen Nachfragen wurde das «SPI-CY» entwickelt.

Bei Anna ergeben die Abklärungen mit «SPI-CY» und einem weiteren für die Risikoerkennung entwickelten Instrument, dass das Mädchen an einem Psychose-Risikosyndrom leidet, das behandelt werden sollte. Die Diagnose kommt für Annas Mutter nicht unerwartet. Sie fühlt eine sonderbare Erleichterung. Nach all den Ärzten und Psychologen, welche die Eltern seit Annas frühester Kindheit aufgesucht haben, glaubt sie, endlich am richtigen Ort angekommen zu sein.

Die Bemühungen würden sich auszahlen, und der manchmal kaum auszuhaltende Druck, der auf ihr lastet, würde bald abnehmen, das spürt sie. «Manchmal ist es nicht einfach, das Kind immer wieder aufs Neue zu verteidigen, wenn nicht nur die anderen Kinder, sondern auch die Eltern fragen: ‚Ist sie verrückt?’», sagt die Mutter. Ihrer Stimme und ihrem Gesicht, das an diesem Morgen müde wirkt, merkt man die Anstrengung an.

Im Therapiezentrum FETZ Bern findet Anna die psychologische Unterstützung, die sie braucht. Es ist der Ort, an dem sie über ihre Ängste sprechen kann, die sie immer wieder überkommen, wenn sie das Haus verlässt. Es ist der Ort, an dem ihr gezeigt wird, dass es einen Weg gibt, mit der Ausweglosigkeit des Alltags fertig zu werden. Und das Beste: Anders als in der Schule, darf hier auch Alucard dabei sein.

Der Vampir wird spielerisch in die Therapie einbezogen. Anders als der Lehrer stört sich die Therapeutin nicht daran, wenn er neben Anna auf einem Stuhl sitzt und dem Gespräch zuhört. Nach einigen Sitzungen muss Alucard dann gar nicht mehr dabei sein. Er kann zu Hause bleiben, ohne dass Anna in Panik gerät. Und wenn sie plötzlich das Gefühl überkommt, mit dem Vampir sprechen zu müssen, weiss sie, dass sie jederzeit mit ihm telefonieren kann. So wird das FETZ allmählich zu einem Ort, an dem Anna ohne Alucard sein kann.

Das Therapiezentrum FETZ Bern wird vom Psychiatrischen Dienst der Universität Bern, an dem Frauke Schultze-Lutter arbeitet, wissenschaftlich begleitet. Pro Monat erhält das FETZ etwa zehn Anfragen von Patienten mit Verdacht auf eine beginnende Psychose. Die meisten werden von Hausärzten oder Psychologen an das auf die Früherkennung spezialisierte Zentrum überwiesen – die Hälfte davon sind Kinder.

Bei ihnen wird zur Abklärung unter anderem der Fragebogen «SPI-CY» verwendet. Dabei ist grosse Sorgfalt geboten. «Wir wollen unter keinen Umständen überinterpretieren und etwa aus einem Mobbing-Opfer einen Patienten mit Verfolgungswahn machen», sagt Schultze-Lutter. Würde man Kinder und Jugendliche gleich untersuchen wie Erwachsene, so würde man Gefahr laufen, zu viele als Risikopatienten einzustufen.

Eine aktuelle Studie aus Irland mit 200 zufällig ausgewählten Kindern und Jugendlichen hat ergeben, dass 21 Prozent der 11- bis 13-Jährigen Psychose-Risikosymptome in Form von abgeschwächten oder nur kurz auftretenden Wahrnehmungsabweichungen oder Halluzinationen aufweisen. Bei der Gruppe der 13- bis 15-Jährigen waren es nur noch sieben Prozent. In einem jungen Alter können Kinder also vermehrt über psychotisch anmutende Symptome berichten, die dann in den meisten Fällen wieder verschwinden. Warum das so ist, weiss man noch nicht. Wissenschafter vermuten, dass sich in diesem Alter die Verschaltung der Synapsen im Gehirn stark umstrukturiert und es dabei zu gewissen Fehlschaltungen kommt.

Die Forschung hat erst begonnen, Psychosen bei Kindern und Jugendlichen altersspezifisch zu untersuchen. Weiteres Datenmaterial, sei für genauere Erkenntnisse unerlässlich, sagt Schultze-Lutter. Daher läuft derzeit an der Universität Bern eine gross angelegte Langzeitstudie mit 250 Jugendlichen und Kindern im Alter zwischen 8 und 17 Jahren. Sie alle werden aus der Allgemeinbevölkerung ausgewählt und waren zumeist noch nie in psychotherapeutischer Behandlung. Aufgrund der ersten Stichprobe schätzt die Studienmitarbeiterin Alexandra Martz-Irngartinger, dass bei bis zu 25 Prozent der Teilnehmer Wahrnehmungsabweichungen auftreten.

Bei Erwachsenen würde man diese als Psychose-Risikosymptome bezeichnen. Sie kommen im Erwachsenenalter aber weit weniger häufig vor. Eine Telefonbefragung der Universität Bern mit 1200 Teilnehmern zwischen 18 und 40 Jahren ergab, dass in dieser Altersgruppe nur etwa drei Prozent davon berichteten.

In den Befragungen, die Martz-Irngartinger durchführt, berichtete etwa ein 9-Jähriger von einem schattenhaften Männchen, das hinter dem Sofa sitzt. «In diesem Alter spielen Kinder noch oft mit Fantasiefreunden», erklärt die Forscherin. Doch bei diesem Jungen taucht das Männchen unerwartet auf. Auch dann, wenn er es nicht will. «Das ist ein starkes Indiz für eine Wahrnehmungsverschiebung», sagt die Psychologin. Beunruhigend ist das noch nicht. «Wir gehen davon aus, dass bei rund 80 Prozent der Kinder, die in diesem Alter Wahrnehmungsverschiebungen entwickeln, sich diese von alleine wieder zurückbilden.»

Bei Anna war das damals anders. Die Momente, in denen sie die Realität verzerrt wahrnahm, häuften sich. Die Fantasien des Mädchens entluden sich nicht mehr nur beim Zeichnen auf dem Papier, sie drängten sich in die Wirklichkeit – ohne dass Anna es wollte, ohne dass Anna sie kontrollieren konnte. Noch immer sieht Anna Alucard, sie hört, wie er zu ihr spricht, und dennoch weiss sie: Er ist nicht real – so echt er auch aussieht, so sehr sie auch seine Hand auf der Schulter spürt.

In der Therapie lernt sie nun, diesen Unterschied, der zu verschwimmen drohte, wieder klarer zu erkennen. Sie lernt mit ihren Ängsten umzugehen und sie verbringt jetzt mehr Zeit mit ihren Freundinnen. Alucard ist noch immer da, doch er hält sich öfter zurück. Irgendwann, so glaubt die Therapeutin von Anna, wird er ganz verschwinden. Und Anna wird dann ohne Alucard sein können.

* Name von der Redaktion geändert

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