VON CLAUDIA MARINKA UND PATRIK MÜLLER

Die 14-jährige Naima* hat Angst. Ihre Eltern hätten im Sinn, sie in Indien, wo ihr Vater herkommt, zu verheiraten. Das hat das Mädchen bereits Anfang Jahr der Lehrerin und ihren Schulkameraden erzählt.

Nun sind diese in grösster Sorge: Die Eltern sind mit Naima nämlich am 3. April nach Indien abgereist.

Einen Tag zuvor alarmierte die Klassenlehrerin den Schuldirektor der Kreisschule Gäu in einem Mail: «Sie hat mir heute eröffnet, dass ihre Eltern die Zwangsverheiratung bereits in den Frühlingsferien durchziehen werden. Sie wollte dich in der grossen Pause informieren. Da die Zeit drängt, setze ich dich auf diesem Wege in Kenntnis.»

Der Schock bei der Schulbehörde sitzt tief. «Wir haben die Ämter informiert, doch rechtliche Schritte können sie keine einleiten. Wir müssen warten, bis die Familie aus den Frühlingsferien zurückkehrt», sagt Schuldirektor Hanspeter Aebischer dem «Sonntag».

Das Solothurner Amt für Migration bestätigt die Kenntnisnahme des Falles. «Ehen zwischen unter 16-Jährigen werden nicht anerkannt, da ein solches Verhalten als ordre-public-widrig anzusehen ist», sagt Bernadette Gasche, Leiterin der Abteilung Ausländerfragen.

Falls eine Zwangsehe nachgewiesen werden könne und der gemeinsame Wille fehle, die Ehe in der Schweiz zu leben, «wird der Familiennachzug abgelehnt», sagt Gasche. Dann dürfte der «Ehemann» also nicht hierherziehen.

Die Familie von Naima hat im Dorf einen guten Ruf. Die Mutter engagiert sich in der Pflege und ist überzeugte Katholikin. Naima und ihre jüngere Schwester sind Ministrantinnen. Deshalb interessiert die Angelegenheit auch den örtlichen Pfarrer, Josef Csobanczy. Er hat die Mutter an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht und sie dazu ermahnt, ihre Tochter nicht gegen ihren Willen zu verheiraten.

Das sei gegen den christlichen Glauben, habe er ihr gesagt, erzählt der Pfarrer dem «Sonntag». In einem solchen Fall drohe ihr gewiss die Ausweisung, wenn nicht sogar eine Gefängnisstrafe, habe er ergänzt. Daraufhin habe die Mutter zuerst gezögert, dann die Absicht einer Zwangsheirat abgestritten. Der Vater, ein gebürtiger Inder, besitzt die Aufenthaltsbewilligung B, die Mutter stammt aus Österreich und hat wie Naima den Schweizer Pass.

Von ihren Problemen erzählte Naima ihrer Lehrerin erstmals im Skilager Anfang Jahr. Sie sagte, dass ihr der Vater mit der Zwangsheirat im Sommer drohe, wenn sich ihre Noten nicht bessern würden. Das Mädchen fühlte sich darauf sichtlich unter Druck gesetzt. Sie gilt als stille und unauffällige Schülerin, die immer anständig ist. Ihre Lehrerin sagt, sie gebe sich in der Schule grosse Mühe.

Ob Naimas Vater seine Drohung der Zwangsheirat bloss als Erziehungsmittel einsetzt oder sie tatsächlich bereits in den Frühlingsferien zur Ehe zwingt, wird sich zeigen. Sicher ist, dass sich die Familie nach ihrer Rückkehr aus Indien den Behörden stellen muss. Diese wollen genau wissen, was geschehen ist – und im Fall einer Zwangsheirat einschreiten.

* Name der Redaktion bekannt

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