VON KURT-EMIL MERKI, PATRIK MÜLLER (TEXT) UND ANDRÉ ALBRECHT (BILDER)

Herr Schawinski, Sie seien der «beste Interviewer der Schweiz», schwärmte SRF-Direktor Rudolf Matter. Was würde der beste Interviewer nun Roger Schawinski als Erstes fragen?
Sorry, so geht das nicht! Die Fragen müssen Sie sich schon selber ausdenken.

Wenn Sie der Einzige sind im Land, der Interviews zu führen versteht, wollen wir natürlich von Ihnen lernen.
Ich bereite mich auf meine Interviews vor. Das sollten Sie ebenfalls tun! Aber gut. Wie wäre es mit: Herr Schawinski, wie geht es Ihnen zwei Tage nach dem Big Bang?

Das ist jetzt aber ziemlich unkritisch.
Die Eingangsfrage sollte immer ein wenig unkritisch sein. Man muss zuerst das Terrain vorbereiten, bevor die knallharten Fragen kommen.

Okay. Wie geht es Ihnen nach diesem Big Bang?
Eigentlich ganz gut. Ich habe sehr viel Zuwendung von Menschen erhalten, die für mich wichtig sind. Und einiges an Kritik von anderen.

Das Manöver der SRG ist durchsichtig: Man bindet Sie ein und domestiziert Sie dadurch.
Jeder, der mich länger kennt, weiss, dass man mich nicht einbinden kann. Ich war immer ein Rebell. Wenn es wichtig ist, werde ich selbst mit SRG-Generaldirektor Roger de Weck ein kritisches Interview führen. Und er wird sich dem stellen.

Sie sind viel netter geworden gegenüber der SRG. Seit die neue Führung am Ruder ist, hat man von Ihnen nichts Kritisches mehr gehört.
Nach all den Jahren unter Armin Walpen und Ingrid Deltenre, also mit Marketingleuten und Lobbyisten an der Spitze, haben jetzt endlich die Journalisten das Sagen. Ihnen geht es um Inhalte. Das finde ich grossartig.

Wegen Ihres Engagements bei der SRG hat Bundesrat Ueli Maurer Sie einen Opportunisten genannt.
Meinen Leistungsausweis muss ich hier ja wohl nicht ausbreiten. Etwa dass ich nicht nur als Erster im Land private Radio- und TV-Sender gegründet habe, sondern auch den täglichen Talk ins Fernsehen gebracht habe. Vor mehr als 35 Jahren habe ich zudem im «Kassensturz» die ersten kritischen Interviews geführt, die es im Schweizer Fernsehen gab.

Das widerlegt den Vorwurf nicht, dass Sie ein Opportunist seien. Sie haben jahrelang gegen die SRG geschossen und heuern nun selber dort an.
Falsch. Ich habe immer gesagt und geschrieben, dass das Monopol bei Radio und Fernsehen schlecht sei für die Schweiz. Und ich habe mit Radio 24 und Tele 24 auch etwas dagegen unternommen, wohl mehr als viele andere in diesem Land. Dafür habe ich sehr viel Geld, Herzblut und Lebenszeit investiert. Aber der politische Wille war beim Fernsehen nicht da, auch nicht bei der SVP. Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass es mehr Medienvielfalt gibt, weil sie am meisten von diesem Monopol profitiert.

Ausgerechnet Sie erbringen den Tatbeweis: Ausserhalb der SRG ist kein nationaler Fernsehjournalismus möglich.
Das ist nun mal die Realität in diesem Land und nicht mein Wunsch. Sogar Roger de Weck hat sich kürzlich Konkurrenz gewünscht, weil dies auch für die SRG besser wäre. Dies sind ganz neue und ganz erfreuliche Töne.

Aber Sie erhalten ein Honorar.
Ein bescheidenes.

Für Ihre oder für unsere Verhältnisse?
Ach. Das Geld war nicht das Kriterium, als ich zu Sat1 nach Deutschland ging. Und jetzt schon gar nicht. Ich arbeite schon seit mehr als 20 Jahren nur noch deshalb, weil es mir Spass macht.

Interviewer Schawinksi würde jetzt nachbohren. Also: Was verdienen Sie?
Ich vermute, dass meine Sendung – in Minutenpreisen gerechnet – die mit Abstand günstigste eigenproduzierte Sendung sein wird, die es im Abendprogramm von SF gibt.

Versuchen wir es anders: Beträgt Ihr Honorar mehr als 10 000 Franken pro Sendung?
Nein, ein Bruchteil davon.

Sie sind seit 35 Jahren ein Verfechter von mehr Transparenz. Warum legen Sie den Betrag nicht offen?
Weil dies bisher beim Schweizer Fernsehen nicht üblich ist.

«Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin hat sein Einkommen offengelegt.
Er bekommt einen Lohn, ich ein Honorar, das ist etwas anderes. Tatsache ist: SF zahlt auch ihren grössten Stars vergleichsweise tiefe Löhne, wahrscheinlich zu tiefe. Das ist eine weitere Auswirkung des Monopols, wie ich nach meiner Zeit in Deutschland ziemlich gut weiss.

Sie haben Ihre Unabhängigkeit betont. Wie beurteilt Ihr kritischer Geist die neue «Arena»?
Es ist schwierig, mit so vielen Leuten im Studio eine flüssige, tiefschürfende Diskussion zu führen. Man muss die «Arena» – wie jede andere Sendung – periodisch überdenken.

Die «Arena» wurde schon verändert. Sie hat nun wechselnde Moderatoren und setzt weniger auf Polarisierung.
Meine Sendung wird ganz anders funktionieren. Ich mache einen 1:1-Talk. Ich finde es richtig, dass SF unterschiedliche Polit-Formate im Programm hat. Es gibt noch den «Club» und die «Rundschau». Damit ist das Angebot ziemlich komplett.

Ihre Sendung ist diejenige mit dem mit Abstand schlechtesten Sendeplatz. Montag 22.55 Uhr: Darüber können Sie nicht glücklich sein.
Der Sendeplatz war mein Wunsch. Von «10 vor 10» über «Eco» zu meiner Sendung spricht man ein ähnliches Publikum an. Dies ergibt einen optimalen «audience flow», wie es in der Fachsprache heisst.

Der SF-Konsument geht um 23 Uhr ins Bett.
Fernsehen findet heute 24 Stunden statt. Auch in der ARD und im ZDF werden die Talks am späten Abend programmiert. Dort findet man ein Umfeld, das für diese Sendeform geeignet ist.

Um diese Zeit werden Sie wohl weniger Zuschauer erreichen als mit Ihrem Radio 1, das 120 000 Hörer am Tag hat.
Schau’n mer mal. Die Sendung wird auch wiederholt und ist über Podcast verfügbar. Es ist nicht mein Ziel, möglichst viele Zuschauer zu holen – sonst hätte ich eine Samstagabend-Show machen müssen.

Werden Sie Ueli Maurer in die Sendung einladen, nachdem er via «Blick» bei Ihnen «Narzissmus» diagnostiziert hat?
Das wäre eine wunderbare Vorlage für eine Sendung. Ich finde es interessant, dass ein solcher Vorwurf von einem Politiker kommt, weil man ja weiss, dass vorwiegend Menschen mit narzisstischer Veranlagung Politiker werden.

Vielleicht werden sie auch Fernsehmoderatoren.
Absolut richtig. Bis zu einem gewissen Grad ist dies Voraussetzung.

Sie diagnostizieren bei Ueli Maurer ebenfalls Narzissmus?
Wenn sich ein Bundesrat in der «Schweizer Illustrierten» gross ablichten lässt, wie er am frühen Morgen über holprige Felder mit dem Velo nach Bern ins Bundeshaus fährt und wie er in seiner Wohnung im Renndress am Boden sitzt, dann geht Ueli Maurer in der Selbstdarstellung viel weiter, als ich es je tun würde. Und ich bin kein Bundesrat.

Der Narzissmus-Vorwurf kommt nicht nur von Maurer. Eine «Blick»-Umfrage ergab dieselbe Diagnose, auch die «NZZ» spielte darauf an.
Offenbar sind einige Menschen durch die Meldung, dass ich nun wieder Fernsehen mache, in ihrem Selbstverständnis erschüttert worden. Sie fragen sich, in welcher Lebensphase sie sich selber befinden, und konstatieren, dass sie möglicherweise bereits auf dem Abstellgleis sind. Vielleicht gilt das auch für den guten Mann von der «NZZ», der einen extrem verwirrten Text abgeliefert hat.

Er kritisierte mit gutem Grund, dass es ein seltsames Signal ist, wenn ein 65-Jähriger eine neue Talk-Sendung übernimmt. Sie nehmen einem Jüngeren den Platz weg.
Das kann man so sehen. Aber die Rolle, die ich in meiner Sendung einnehme, wird etwa in den Nachrichtensendungen der grossen Stationen in den USA ebenfalls von Menschen ausgefüllt, die zwischen 50 und 70 Jahre alt sind, weil sie in diesem Alter mehr Seriosität ausstrahlen.

Sie sind 65.
Ich fühle mich aber nicht so.

Wie alt fühlen Sie sich denn?
Sicher 10 bis 15 Jahre jünger. Das geht vielen Menschen meiner Generation
so. Und schauen Sie, die Top-Kolumnisten der «New York Times», die sind oft über 60. Für tiefschürfende Analysen braucht es eben eine gewisse Lebenserfahrung. Ich kann Interviews anders führen als selbst ein hochbegabter Jungspund. Meine Erfahrung als Unternehmer in der Schweiz und Deutschland ermöglicht es mir, auch mit älteren Persönlichkeiten auf Augenhöhe zu reden. So kommen auch ganz andere Gespräche zustande.

Wie lange werden Sie diesen Talk moderieren?
Solange es Spass macht – und solange man mich will.

Wer ist Ihr Hauptkritiker?
Auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen tönt: meine Frau. Darüber bin ich sehr froh. Sie versucht immer – was mich manchmal grausam nervt –, die Gegenposition einzunehmen. Sie sagt ständig: Es hat doch auch etwas für sich, dass . . . Dann schlucke ich zweimal und überlege nochmals. Das ist anstrengend, aber unerlässlich. Im Übrigen muss ich mir um die Kritiker und Neider keine Sorgen machen. Die gibt es zuhauf.

Sie sind Radiounternehmer und dort selber am Mikrofon. Können Sie sich die Zeit nehmen, um sich seriös auf die SF-Talks vorzubereiten?
Das habe ich bei «TalkTäglich» auf Tele Züri bewiesen. Da habe ich bis zu viermal pro Woche eine Sendung moderiert. Mein Hirn – also meine Harddisk – hat über die Jahre so viele Dinge gespeichert, dass ich bei den meisten Gästen bei der Recherche nicht bei null beginnen muss.

Suchen Sie die Gäste selber aus?
Das ist der schwierigste Teil des Jobs: den richtigen Gast zur richtigen Zeit. Den mache ich selbst. Ich habe eine 50-Prozent-Assistentin, die mir dabei hilft, und werde versuchen, am Freitag den Gast zu fixieren. Aber natürlich lese ich am Sonntag Zeitungen. Wenn da die grosse Story auftaucht, werde ich noch am Montag den Gast auswechseln.

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