Es hat Seltenheitswert, wenn eine Behörde einen Verhafteten von sich aus als «Kultfigur» bezeichnet. Doch genau so beschreibt das Zollfahndungsamt Stuttgart einen in Deutschland geborenen 43-jährigen Griechen. «Er genoss unter dem Namen ‹Teris› praktisch Kultstatus», sagt Silke Jakobi vom Zollfahndungsamt. Der in Athen festgenommene Grossdealer bot Doping- und andere Arzneimittel ohne Erlaubnis über mehrere Internetshops an. Bei der Verhaftung entnahm «Teris» einem Postfach gerade ein Paket mit 108 600 Anabolika-Tabletten und 21 000 Injektionsampullen.

«Er hat mit Sicherheit auch die Schweiz bedient», sagt Jakobi gegenüber dem «Sonntag». Wie viele Kunden hierzulande darunter sind, wird noch abgeklärt. Der Schweizer Markt ist für Dopingdealer lukrativ: «Swissmedic erhält vom Zoll sehr viele Pakete mit Anabolika aus Griechenland und es könnte durchaus sein, dass ein grosser Teil davon aus dieser Quelle stammt», sagt Sprecher Daniel Lüthi. Ein beliebter Trick sei, dass auch immer andere Absender angegeben werden, obwohl sich die Pakete und Adressen sehr ähnlich sind.

Bis zu zehn Jahre Gefängnis warten auf den mutmasslich grössten Anabolika-Dealer Europas. Die bisherigen Ermittlungen lassen laut Jakobi darauf schliessen, dass der Grieche seit mindestens zehn Jahren im mehrstelligen Millionenbereich Tabletten und Ampullen mit Doping- und Arzneimitteln illegal vertrieben hat. Dabei soll «Teris» mehr als eine Million Euro verdient haben. Abnehmer waren Bodybuilder, Marathonläufer und Velofahrer. Sie haben sich mit den Präparaten eine leistungssteigernde Wirkung versprochen. Dazu gehörten gemäss «Spiegel» Sexualhormone mit anaboler Wirkung, Schilddrüsenhormone zur Stoffwechselanregung und das Asthmamittel Clenbuterol. Die Medikamente kaufte der Grossdealer in China, Russland und Thailand ein. «Teris» ging jahrelang clever vor – er unterhielt mehrere Bankkonten in Griechenland, Zypern und Bulgarien. Ausserdem verwendete er Tarnnamen und gefälschte Papiere, um seine Spuren im Netz zu verwischen.

Enttäuschte Kunden könnten ihm nun zum Verhängnis geworden sein, wie Recherchen des «Sonntags» in einschlägig bekannten Foren zeigen. «Er war gierig! 500 Euro Mindestbestellwert!», schreibt User Hotvolker. Als sich in einem Forum eine Debatte darüber entwickelt, ob er abgelaufene Ware verkauft und Gerüchte um Schulden die Runde machen, schaltet sich «Teris» gleich selber ein: «Kumpel, ich habe keine Schulden – an niemanden.» Er gibt aber zu: «Abgelaufene Sachen habe ich immer, aber Kunden kaufen es und sie wissen, dass sie abgelaufen sind.»

Europa ist zur Drehscheibe des internationalen Dopinghandels geworden. «Dies ist ein grosses, globales und gefährliches Geschäft», sagt Swissmedic-Sprecher Daniel Lüthi. Das Schweizerische Heilmittelinstitut geht aufgrund von Hochrechnungen von rund 50 000 illegalen Arzneimittelsendungen aus, die pro Jahr in die Schweiz kommen. Der Anteil Anabolika liegt bei gut 10 Prozent. Auf der Rangliste der verdächtigen Heilmittelimporte sind Muskelaufbaupräparate bereits auf den zweiten Rang vorgestossen, wie die Oberzolldirektion mitteilt. An der Spitze stehen sogenannte Erektionsförderer wie Viagra, die letztes Jahr 34 Prozent der sichergestellten Arzneimittel ausmachten. Schon 14 Prozent machen Anabolika aus, gefolgt von Schlankheitsmitteln (11 Prozent) und Arzneimitteln mit Abhängigkeitspotenzial wie Schlafmittel (11 Prozent).

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