Der Amokläufer Viktor B.* (42) hat seine Opfer in der Firma Kronospan in Menznau LU gezielt ausgesucht. Die meisten waren Mitarbeiter mit einer vorgesetzten oder höheren Position. «Von den sechs Verletzten haben drei eine Vorgesetztenfunktion» bestätigt Kronospan-Chef Mauro Capozzo. Und unter den Toten befinden sich der Spitzenschwinger Benno Studer und Thomas M., der einen Tag nach der Amok-Tat im Spital verstarb. Beide waren zwar nicht Mitglied im Kader, aber in einer höheren Stellung tätig. Viktor B. war gewöhnlicher Mitarbeiter .

«Ich sehe dahinter aber kein Muster der Tat», sagt Capozzo. Dem widersprechen seine Mitarbeiter: «Er hat explizit nur auf die Leute in einer höheren Stellung geschossen», behaupten diese.

Die Ausnahme ist Christina N.* Die Kantinenmitarbeiterin wohnte bis vor zwei Jahren im gleichen Block mit der Familie von Viktor B. «Der vertraute Umgang der beiden Frauen passte Viktor nicht», sagt eine Nachbarin. Dies sei ein Grund gewesen, warum er mit seiner Frau Valbona und den drei Kindern von Menznau nach Willisau gezogen ist.

Die Umstände über den Tod des Amok-Schützen liegen noch im Dunkeln. Die Polizei klärt weiter ab, ob er sich selbst richtete, oder ob er von Mitarbeitern überwältigt wurde und dabei erschossen wurde. Im familiären Umfeld von Victor B. glaubt man nicht an einen Selbstmord.

Offiziell im Dunkeln liegt auch das Motiv der Tat. «Es gab keine Hinweise zu dieser Tat. Auch keinem der Vorgesetzten ist etwas aufgefallen», sagt Capozzo. Er widerspricht Medienberichten über Persönlichkeitsveränderungen von Viktor B. «Uns sowie seinen Vorgesetzten ist eine psychische Erkrankung nicht bekannt. Ebenfalls ist niemandem ein besonderes Verhalten aufgefallen.» Auch dass Victor B. beurlaubt wurde, wird dementiert. «Weil Herr B. während der Betriebsferien an Weihnachten eine Knöchelverletzung hatte, bezog er seine restliche Ferienwochen von 2012 zwischen dem 7. bis zum 28. Februar. Dies geschah in Absprache mit seinen Vorgesetzten», so Capozzo.

Doch Hinweise von der Familie des Täters deuten darauf hin, dass Viktor B. sich wegen der verordneten Zwangsferien ungerecht behandelt und in seiner Ehre verletzt fühlte. Dies spielt im Ehrenkodex für einen Kosovaren eine zentrale Rolle. Der Vater Marku B. bestätigt, dass sein Sohn deswegen mit den Vorgesetzten sprechen wollte. «Der Sonntag» hat Marku B. im Kosovo getroffen.

Nicht nur in der Firma gab es Probleme, sondern auch in der Ehe des Täters. Der Polizei ist er wegen häuslicher Gewalt bekannt: «Wir mussten deswegen schon intervenieren», sagt Urs Wigger von der Kantonspolizei Luzern zum «Sonntag». Dass Viktor B. gewalttätig werden kann, zeigt seine Vorstrafe. 1998 wurde er wegen Raubs in Luzern zu zwölf Monaten bedingt verurteilt. Er hatte eine Frau tätlich angegriffen und ihr die Handtasche entrissen.

Während Viktor B. heute Sonntag im Kosovo beerdigt wird, sind die Wunden in der Schweiz noch lange nicht verheilt. An den Trauerfeiern für die Opfer, Angehörigen und Verletzten in Willisau und Menznau war auch Ines Kaindl-Benes (grosses Foto), die medienscheue Verwaltungsratspräsidentin von Kronospan, anwesend. Dabei drückte sie in einer persönlichen Rede ihre Trauer und das grosse Leid, das entstanden ist, aus. Noch wiegen der Schock und die Trauer über die unbegreifliche Tat schwer.

Doch hinter vorgehaltener Hand werden kritische Stimmen laut. Mehrere Mitarbeiter berichten von grossem Arbeitsdruck und einer schlechten Stimmung in der Firma. Zudem seien die Gewerkschaften nicht zugelassen. Vorwürfe, die man von Kronospan im Ausland kennt und immer wieder für negative Schlagzeilen sorgen. Zur Kritik an der Firma sagt Capozzo: «Der Arbeitsdruck in unserer Firma ist nicht höher als in anderen Firmen.»

Doch die Gewerkschaft Syna will jetzt handeln. Sie kritisiert, dass die Mitarbeiter der Firma Kronospan keinem GAV unterstellt sind. «Ich bin mir bewusst, dass die Zusammenarbeit nicht leicht wird. Bis heute sind mehrere Kontaktanläufe zur Firma gescheitert. Das ist rückblickend doppelt schade», sagt Toni Walker von der Gewerkschaft Syna.

*Namen der Redaktion bekannt

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