Herr Leonardi, ist ein Ausstieg aus der Atomenergie bis 2035 möglich?
Möglich ist der Ausstieg schon, es fragt sich nur, zu welchem Preis. Wir setzen die Versorgungssicherheit unseres Landes aufs Spiel. Manches, das der Bundesrat diese Woche gesagt hat, ist nicht nachvollziehbar. Beispielsweise waren sich bisher alle einig, dass die Wasserkraft kaum Ausbaupotenzial hat. Nun soll sie plötzlich massiv ausgebaut werden. Auch die Einschränkung des Verbrauches bis 2050 um rund ein Viertel gegenüber den bisherigen Schätzungen halte ich für völlig unrealistisch.

Wie wollen Sie in Ihrem Produktionspark die Atomenergie ersetzen?
Alpiq ist zusammen mit ihren Partnern für rund ein Drittel der Schweizer Stromversorgung zuständig. Wir haben unsere Strategie für die nächsten zehn Jahre schon vor Fukushima definiert – und daran wollen wir grundsätzlich festhalten. So wollen wir unsere Produktion in etwa verdoppeln und den Anteil der neuen erneuerbaren Energien in unserem Portfolio von heute zwei auf zehn Prozent erhöhen.

Zusammen mit dem Ausbau der Gaskraft führt das zu einer namhaften Reduktion des CO2-Aussstosses pro Kilowattstunde Alpiq-Strom. Ein grosses Potenzial sehe ich auch bei der Energieeffizienz. In der Schweiz arbeiten über 3000 Angestellte im Bereich der Energieservices, wobei Energieeffizienz nicht mit Stromsparen verwechselt werden darf. Häufig führt eine Verminderung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe zu mehr Stromverbrauch.

Welche Konsequenzen hat das für Alpiq?
Kurzfristig keine. Und auf lange Sicht sind wir heute schon breit und stabil aufgestellt und hängen nicht von einer einzelnen Technologie ab.

Werden Sie nun mehr Personal für die Planung von Gaskombi-Werken abstellen? Wie viele Gaskraftwerke bräuchte die Schweiz?
Ein neues Kernkraftwerk entspricht ungefähr vier Gaskraftwerken. Wenn wir davon ausgehen, dass die Schweiz die Leistung von zwei neuen Kernkraftwerken braucht, wären das also etwa acht Gaskraftwerke. Ob und wie viele Gaskraftwerke Alpiq in der Schweiz baut, ist offen. Für uns hat Chavalon erste Priorität.

Investieren Sie nun mehr in erneuerbare Energien in der Schweiz oder etwa in Windparks in der Nordsee?
Wir werden unseren Anteil an den neuen erneuerbaren Energien Verfünffachen. In der Schweiz stellen wir dafür für die nächsten zehn Jahre rund 1,2 Milliarden Franken bereit. Wir werden im In- und Ausland investieren und zwar vorwiegend in Wasserkraft und Windprojekte.

Werden Sie neue Beteiligungen an AKW in Frankreich oder Kohlekraftwerken in Deutschland prüfen?
Im Hinblick auf die Versorgungssicherheit der Schweiz sind Investitionen in Kraftwerkskapazitäten im Ausland wenig nützlich und sinnvoll – egal, ob es Wind, Kernenergie oder fossile Kraftwerke sind. Das europäische Leitungsnetz ist heute schon an der Grenze zur Überlast. Der Transport der Energie in die Schweiz ist also nicht sicher gestellt.

Steigt mit dem vorgeschlagenen Ausstiegszenario das Risiko von Blackouts?
Die Gefahr von Blackouts besteht ohnehin, denn unsere Übertragungsnetze sind nicht überall stabil. Und mit einem erheblichen Ausbau der sehr unregelmässig anfallenden neuen erneuerbaren Energien verschärft sich das Problem. Wir müssen sofort und massiv in die Netze investieren, dies ist nicht erst jetzt bekannt und darauf hat auch der Bundesrat am Mittwoch nachdrücklich hingewiesen. Es geht hier um die Versorgungssicherheit des Landes, und die kann nur sichergestellt werden, wenn unter anderem stabile Netze vorhanden sind.

Der Bundesrat geht ohne Ersatz-AKW von einem Strompreisanstieg von rund 20 Prozent aus. Ist es mehr?
Ich bin kein Hellseher, ich weiss daher nicht, wie sich die Strompreise genau entwickeln werden. Aber es ist im Verhältnis zu den umliegenden Ländern von einer stärkeren Erhöhung auszugehen – zu Lasten der Konsumenten, aber auch zu Lasten des Wirtschaftsstandorts Schweiz. Die getroffenen Annahmen scheinen mir auf den ersten Blick unrealistisch tief.

2039 müsste Gösgen nach 60 Jahren vom Netz. Ist aus technischer Sicht auch eine längere Betriebsdauer möglich? Werden Sie dies prüfen?
AKWs haben eine unbefristete Betriebsbewilligung. Sie können also solange betrieben werden, wie es das Nuklearinspektorat Ensi für sicher hält. Ein eigentliches Verfallsdatum gibt es nicht. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Ausland gehe ich von einer maximalen Betriebsdauer von 50 bis 60 Jahren aus.

Was geschieht nun mit der Planungsgesellschaft Resun?
Als der Bundesrat die Rahmenbewilligungsgesuche für den Bau neuer Kernkraftwerke sistierte, stellte die Resun ihre Planungsarbeiten ein. Eine Zweckanpassung der Resun ist in Prüfung. So wird geprüft, ob das bestehende Fachwissen der Mitarbeiter für andere Tätigkeiten in den Mutterunternehmen gesichert werden soll.

Werden Sie ein Referendum gegen einen Ausstiegsbeschluss des Parlaments unterstützen?
Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Mit dem bundesrätlichen Entscheid wurde nun ein mehrjähriger politischer Prozess gestartet. Am Schluss wird das Volk das letzte Wort haben. Ich gehe davon aus, dass dies frühestens in drei bis fünf Jahren der Fall sein wird.

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