Die Bankiervereinigung ist soeben 100 Jahre alt geworden. Doch viel Grund zum Feiern hat sie nicht. Denn die Banken sind so zerstritten wie noch selten. Jetzt scheren die Retailbanken aus: «Wir haben im Verlauf des Sommers 2012 die IG Inlandbanken gebildet», sagt Hilmar Gernet, Leiter Politik und Gesellschaft von Raiffeisen Schweiz. Die Interessensgruppe verstehe sich als «informelle Plattform» innerhalb der Bankiervereinigung. Künftig haben also nicht nur die Privatbankiers oder die Auslandbanken ihre eigene Gruppierung, sondern auch die Inlandbanken.

Mitglieder der neu gegründeten IG Inlandbanken sind nebst der Raiffeisen-Gruppe die Migros-Bank, der Verband Schweizerischer Kantonalbanken (VSKB), die Zürcher Kantonalbank (ZKB) sowie die RBA-Holding AG, die Gemeinschaftsorganisation von 37 Schweizer Regionalbanken, zu der unter anderem die Valiant gehört. Das Sekretariat wird innerhalb der Raiffeisen-Gruppe von Gernet geführt.

Das Ziel der neuen Gruppierung ist es, die Anliegen der Inlandbanken zu koordinieren und verstärkt einzubringen, wie Gernet erklärt. Das heisst: sowohl innerhalb der Bankiervereinigung als auch gegenüber den politischen Behörden. Im Vordergrund stünden zwei Anliegen: Das erste ist grundsätzlicher Natur. Der neue Verbund will gemäss Gernet das «politische Bewusstsein» schärfen, dass der Finanzplatz Schweiz auf zwei gleichwertigen Pfeilern basiere: auf international orientierten Banken und Inlandbanken. «Es sind gerade die Inlandbanken, welche zu einem beachtlichen Teil für die Reputation der Branche stehen», sagt Gernet. Und es seien auch die Inlandbanken, die mit ihren Krediten für die Schweizer Realwirtschaft «unabdingbar» seien.

Das zweite Anliegen steht in Zusammenhang mit den neuen Anforderungen, die auf hiesige Finanzinstitute zukommen. Der Beinahe-Kollaps der UBS sowie der internationale Druck auf das in der Schweiz gebunkerte Schwarzgeld haben bereits zu zahlreichen neuen Vorschriften geführt. Weitere sind absehbar.

Während aber Grossbanken die Mittel und das Personal haben, strengere Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen oder aufwendige Abgeltungssteuerabkommen mit verschiedenen Ländern umzusetzen, kommen die kleineren Banken an ihre Grenzen. «Betriebswirtschaftlich käme der automatische Informationsaustausch günstiger», sagte der Chef der Basellandschaftlichen Kantonalbank, Beat Oberlin. Auch Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz hat sich für den automatischen Informationsaustausch ausgesprochen.

Nun plädiert die IG Inlandbanken gemäss ihrem Geschäftsführer Gernet auf eine «differenzierte Gesetzgebung und Aufsicht», die auch die unterschiedlichen Geschäftsmodelle der Banken berücksichtigt. Banken, die grössere Risiken eingehen, sollten demnach auch mehr Auflagen erfüllen müssen, als diejenigen, die sich kaum exponieren. «Die IG Inlandbanken will und wird sich bei der Erarbeitung eines Finanzdienstleistungsgesetzes sowie bei der Entwicklung einer neuen Finanzplatzstrategie engagieren», betont Gernet.

Auch im Parlament formiert sich Widerstand gegen den zunehmenden Regulierungsschub für kleinere und mittelgrosse Banken. «Wir werden eine parlamentarische Kantonalbanken-Gruppe gründen», kündet SVP-Nationalrat und ZKB-Bankrat Hans Kaufmann an. «Ein erstes Vorgespräch hat bereits stattgefunden.» Zudem sei auch der Präsident des Kantonalbankenverbands, Urs Müller, informiert worden.

Potenzielle Mitglieder von Kaufmanns Kantonalbanken-Gruppe sind der grüne Ständerat Luc Recordon (VD) als Bankrat der Waadtländer Kantonalbank, die beiden Bankräte der Basler Kantonalbank, die Nationalräte Sebastian Frehner (SVP/BS) und Markus Lehmann (CVP/BS), der Präsident der Tessiner Kantonalbank und Nationalrat Fulvio Pelli (FDP/TI) sowie der grünliberale Nationalrat Thomas Maier (ZH), der bei der ZKB angestellt ist. «Wir haben Fraktionsstärke», sagt Kaufmann zufrieden.

Die Gründung der parlamentarischen Kantonalbanken-Gruppe ist ebenso wie die Schaffung der IG Inlandbanken letztlich eine Folge der Unzufriedenheit mit dem Kurs der Bankiervereinigung. Kaufmann formuliert es höflicher: «Kantonalbanken haben andere Interessen als Grossbanken.» In der Tat wird die Bankiervereinigung zwar in der Regel von Privatbankiers präsidiert, jedoch von den Grossbanken gesteuert und finanziert. Zumindest Ersteres könnte sich jetzt ändern.

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