Herr Sawiris, wie oft sind Sie noch in Andermatt?
Samih Sawiris: Etwa einmal im Monat.

In dem Dorf gibt es gewisse Ängste, dass Sie sich zurückziehen, nachdem Sie das Verwaltungsratspräsidium Ihrer Schweizer Firma abgegeben haben.
Da braucht niemand Angst zu haben, Andermatt bleibt für mich Chefsache. Aber das operative Geschäft habe ich abgegeben, das soll jemand machen, der täglich vor Ort ist. Ich will mich nicht verzetteln, und mein Führungsstil ist zu wenig geeignet für Projekte, bei denen es nun um sehr viele wichtige Details geht.

Sie haben schwierige Monate hinter sich. Sind Sie sicher, dass Ihr riesiges Projekt, das beispiellos ist im ganzen Alpenraum, rechtzeitig eröffnet wird?
Auf jeden Fall. Wenn Sie wollen, können Sie in unserem 5-Sterne-Hotel Chedi bereits für Silvester 2013 buchen!

Was macht Sie so sicher?
Meine Erfahrung mit der Schweiz zeigt: Entweder sind die Leute hier pünktlich – oder zu früh. Ich musste bei den Bauarbeiten in Andermatt sogar eine Klausel einsetzen, damit wir nicht zu früh fertig sind. Es wäre nicht in unserem Sinn, wenn die Bauarbeiten fertig wären, wir die Wohnungen aber noch nicht verkauft hätten.

Der Verkauf der Wohnungen harzt. Diejenigen im Luxushotel Chedi sind zwar weg, aber sie wurden an eine Gesellschaft verkauft, an der Sie selber beteiligt sind ...
Als Minderheitsinvestor. Beide Seiten haben davon Vorteile: Diese Gesellschaft hat sämtliche Chedi-Wohnungen von Orascom gekauft und wird damit Geld verdienen. Auf der andern Seite ist Orascom den Zeitdruck los.

Wie viel Geld muss man aufwerfen, um in Andermatt Wohnungseigentümer zu werden?
Es finden dort alle etwas. Das war immer mein Prinzip – ob in Ägypten, Oman oder eben in Uri. Es gibt günstigere Studiowohnungen, es gibt aber auch Villen, die 10 oder 15 Millionen Franken kosten. Wir brauchen in Andermatt ganz verschiedene Käuferschichten.

Der bekannte Architekt Benedikt Loderer kritisierte, in Andermatt entstehe «ein Ghetto für die internationale Reichen-Schicht».
Das ist völlig falsch. Er müsste sich besser informieren. Wir streben eine bunte Mischung aus allen Schichten an.

Lange Zeit war unklar, ob Ihnen die Zweitwohnungs-Initiative einen Strich durch die Rechnung macht. Doch sie gilt nun in Andermatt nicht.
Das hat uns mindestens sechs Monate gekostet. Nach der Abstimmung brachen die Verkäufe ein, einige Reservationen wurden gar rückgängig gemacht. Sie wissen ja, die Schweizer scheuen das Risiko. Jetzt haben wir Klarheit: Wir können Andermatt zu Ende bauen.

Rechtliche Unsicherheit ist man sich hierzulande nicht gewohnt.
Hier habe ich nun die erste Überraschung in fünf Jahren erlebt. Man hatte mir ja für Andermatt die Bewilligungen erteilt unter der Bedingung, dass wir das gesamte Resort realisieren. Bis heute haben wir denn auch bereits rund 300 Millionen Franken in Andermatt investiert. Da können nicht plötzlich die Regeln geändert werden. Aber das geht ja noch: In Kairo gibt es jeden Tag mindestens vier Überraschungen. Übrigens, ich finde die ZweitwohnungsInitiative absolut richtig!

Jetzt, im Nachhinein?
Nein, schon immer. Ich kenne das Problem von zu Hause. Als wir in El Gouna am Roten Meer zu bauen begannen, war uns egal, wer die Wohnungen kaufte. Das war ein Fehler, denn so wurden sie fast nur als Zweitwohnungen genutzt und El Gouna war die meiste Zeit über eine Geisterstadt. Darum haben wir die Stadt entwickelt, Schulen und Universitäten gebaut, sodass sie lebt. In der Schweiz ist die atemberaubende Landschaft ein Trumpf, leider kam die Zweitwohnungs-Initiative fast zu spät.

Sind Sie ein verkappter Grüner?
In gewisser Weise schon. Wir haben heute nicht mehr das Recht, die Natur der Infrastruktur unterzuordnen. Deswegen bauen wir Andermatt auch CO2-neutral. Das lohnt sich zwar für uns finanziell nicht, aber dafür bekommen wir Applaus (lacht).

Eigentlich ist erstaunlich, dass es in Andermatt nicht mehr Widerstand gegen Ihr Projekt mit 4400 Betten gab. Wie haben Sie die konservativen Urner für sich gewonnen?
Wie kommen Sie darauf, dass sie konservativ sein sollen?

Stimmt es nicht?
Überhaupt nicht. Andermatt ist weltoffener als Zürich (lacht). Ich habe dort sehr viele Menschen getroffen, die über die Landesgrenzen hinaus denken, sehr gut informiert sind – und viele Andermatter waren auch schon in Ägypten.

Wie wichtig ist für Ihre Akzeptanz, dass Sie so gut deutsch sprechen?
Das ist wohl entscheidend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die Bevölkerung hätte überzeugen können, wenn immer noch ein Dolmetscher dabei gewesen wäre. Die Andermatter machen viel mit Intuition, ich ebenso, darum haben wir uns gefunden. Hätte ich an der ersten Info-Veranstaltung im Dorf gespürt, dass man mich nicht will, wäre ich nicht mehr zurückgekommen. Und hier reichen auch nicht 51 Prozent.

Wie meinen Sie das?
Ich habe erst spät begriffen, wie die Demokratie hier läuft. Gewinnst du in der Schweiz 51 Prozent, hilft dir das nichts. Für ein grosses Projekt braucht es 90 Prozent. Mindestens! Sonst verhindert die Minderheit alles. Sie hat Möglichkeiten, selbst die besten Ideen zu stoppen.

Ist das schlecht?
Ja. Wenn die Mehrheit etwas will, sollte es umgesetzt werden.

Sie haben alle Mittel, um Widerstand zu brechen: Als Ex-Politiker Franz Steinegger Ihr Bergbahnprojekt Andermatt/Sedrun blockieren wollte, haben Sie die Bahnen kurzerhand gekauft.
Ab und zu muss man zu aussergewöhnlichen Massnahmen greifen, sonst kommt man nicht weiter.

Hat Steinegger mit seinen Warnungen nicht recht: Das geplante Skigebiet ist überdimensioniert?
Nein. Es braucht die Verbindung zwischen den Skigebieten von Andermatt und Sedrun. Andermatt ist für anspruchsvolle Fahrer, Sedrun ist familienfreundlich – das ergänzt sich.

Wie würden Sie sich als Unternehmer charakterisieren?
Bei mir sind immer Gefühle im Spiel. Mir geht es nicht in erster Linie ums Geld, mir geht es um Erfolg. Erfolg heisst: Ein schwieriges Ziel zu erreichen oder ein Versprechen zu halten. Man soll gut über meine Projekte sprechen. Ich möchte als Geschäftsmann geschätzt sein.

Gehen Sie jeden Tag gern zur Arbeit?
Ja, aber ich habe mein Pensum etwas reduziert und einen CEO eingestellt. Ich bin kein Arbeitstier, ich mache nicht gern viele Überstunden.

Ihr Unternehmen Orascom Development hat erstmals in der Firmengeschichte einen Verlust gemacht. Das muss Sie als Erfolgstyp schmerzen.
Das tut unheimlich weh, ja. Wir waren so nahe daran, finanziell unantastbar zu werden – und dann kamen die Revolution und die weltweite Krise mit ihren Folgen für den Immobilienmarkt. Das waren zwei unverdiente Ohrfeigen für uns.

Der Aktienkurs stürzte innerhalb von drei Jahren von 80 auf 15 Franken ab.
Alles Unheil geschah aufs Mal. Aber ich wusste, dass eine Krise irgendwann kommen würde. Ich habe immer für den Krisenfall vorgesorgt. Ziel Nummer 1, 2 und 3 muss für jeden Unternehmer sein: eine Krise überleben können! Viele Unternehmen, gerade im internationalen Immobilienbereich, sind ja in den letzten Jahren verschwunden.

Ihr Geldesel war lange Zeit El Gouna, dort sind aber die Strände leer.
El Gouna brachte uns jährlich satte Gewinne. Dies ging mit der Revolution in Ägypten schlagartig weg. Jetzt läuft es aber wieder viel besser.

Das Elend kam für Sie mit dem Arabischen Frühling.
Der Ausdruck «Arabischer Frühling» ist für mich irritierend. Treffender wäre «Arabischer Herbst». Ein richtiger Frühling ist es leider noch nicht.

Erst muss Ägypten noch durch den Winter?
Ja. Es wird eine Phase der Ernüchterung kommen: Nämlich wenn das Volk zwei Jahre nach der Revolution realisiert, dass die Lage nicht wirklich besser geworden ist. Das wird schwierig werden, bevor dann hoffentlich wirklich der Frühling kommt.

Die freien Wahlen wurden durch die Muslimbrüder gewonnen, seit drei Monaten ist Mohammed Mursi Staatspräsident. Wie beurteilen Sie seinen Start?
Die neue Regierung arbeitet zielstrebig und tut einiges, während in den 24 Monaten davor eine Regierung nach der anderen kam und nur eine Show auf dem Tahrir-Platz abzog.

Wohin steuert Ägypten: Richtung Türkei oder Iran?
Wir sind im Auto unterwegs und der Fahrer hat uns noch nicht gesagt, ob wir links oder rechts abbiegen. Ich glaube, dass es die Absicht der Regierung ist, Richtung Türkei zu steuern. Es sei denn, die Lage verschlechtert sich für die Bevölkerung – dann könnte die Regierung versucht sein, die Religion als Absolutlösung für alles darzustellen, um von den Problemen abzulenken. Dann gibts einen zweiten Iran.

Das Szenario Iran wäre für Sie als Tourismusunternehmer ein Horror: Strandferien im Bikini – das wäre vorbei.
Das glaube ich nicht. Vergessen Sie nicht: Wir haben in Ägypten im Gegensatz etwa zum Iran kein Öl und auch kein Gas, wir haben einzig den Tourismus. Nur er schafft ausreichend Arbeitsplätze und Wohlstand. Keine Regierung kann es sich leisten, diese Grundlage zu zerstören. Man wird pragmatisch bleiben. Wer hat in der Türkei den Tourismus verdoppelt? Die Islamisten, nicht die Generäle.

Syrien hat erneut eine sehr blutige Woche hinter sich. Wie lange hält sich Baschar al-Assad noch an der Macht?
Es ist so wie zuvor in Ägypten, Tunesien oder auch Libyen: Die Welt hat nie etwas gegen die Diktatoren unternommen, auch wenn diese ihr Volk unterdrückten. In diesen drei Ländern sind sie jetzt trotzdem weg, und warum? Weil allein das Volk diese Machthaber stürzte. Das zeigt: Letztlich kommt der Umbruch immer von innen. Das wird auch in Syrien so sein.

Das Volk wird Assad stürzen?
Mit Sicherheit. Es ist aber traurig, dass die Welt nur zuschaut und Assad so lange gewähren lässt. Wahrscheinlich weil Syrien kein Öl hat. Darum ist es nicht so interessant wie Libyen oder der Irak. Die Wunden, die in all den Ländern in den letzten Jahrzehnten unter diesen Diktatoren entstanden sind, werden noch sehr, sehr lange offen sein. Die Diktatoren haben ja gezielt Hass gesät, um sich dem Westen als einzige Alternative zum Fanatismus zu präsentieren.

Diese Woche konnte sich der UNO Sicherheitsrat wieder nicht auf eine gemeinsame Linie im Syrien-Konflikt einigen. Sie wären für eine Militärintervention?
Natürlich. Es ist unmenschlich, diesem Treiben bloss zuzuschauen. Und seien Sie sich bewusst: Was Sie im Fernsehen wahrnehmen, ist nicht einmal ein Zehntel der wahren Gräuel. 700 000 Menschen haben ihr Zuhause verloren, und die, die noch ein Haus haben, leben im Elend und unter Todesangst.

Was kommt nach Assad?
Das kann zurzeit niemand sagen. Erst wird es ein Chaos geben, bevor man wieder zu einer Ordnung übergeht. Das Problem ist überall dasselbe: Es entsteht nach dem Sturz des Diktators ein Machtvakuum, das die Islamisten am schnellsten füllen können, weil sie als einzige politische Kraft gut organisiert sind. Andere politische Kräfte, soweit es sie gibt, sind zersplittert und kaum organisiert. Sie brauchen Zeit. Aber die Zeit arbeitet für sie.

Samih Sawiris entstammt der reichsten Familie Ägyptens. Sein Vater Onsi Sawiris gründete 1972 das Unternehmen Orascom; er hat zwei weitere Söhne, die ebenfalls erfolgreiche Unternehmer sind. Alle drei Sawiris-Söhne führen eigenständige Unternehmen, die wenig miteinander zu tun haben. Sawiris ist koptischer Christ und spricht sehr gut deutsch. Er besuchte in Kairo die Deutsche Evangelische Oberschule und studierte an der Technischen Universität Berlin. Samih Sawiris plant das grösste Projekt, das es im Alpenraum je gab: In Andermatt entsteht auf 1,5 Quadratkilometern ein riesiges Resort mit Hotels (u. a. 5-Sterne-Haus Chedi), Wohnungen und Villen. 4400 Betten umfasst das Resort, die Investitionen betragen 1,8 Milliarden Franken. Am 26.September 2009 fand der Spatenstich statt. Zuletzt kämpfte Sawiris mit Rückschlägen wegen der Wirtschaftskrise und der Zweitwohnungs-Initiative. Sein Unternehmen Orascom Development leidet nach der Revolution in Ägypten unter dem Rückgang des Tourismus vor allem in El Gouna, der wichtigsten Einnahmequelle des Unternehmens.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!