Der Fernseher war klein, die Farben überdreht, doch die Art, wie der damals 33-jährige Kurt Felix die Treppen hinunterglitt, hatte etwas Weltmännisches und stand im krassen Gegensatz zur moralinsauren Leutschenbach-Welt der Siebziger- und frühen Achtziger-Jahre. «Wäre ich nicht so erfolgreich gewesen», bekannte er einmal später, «hätte ich in diesem politisch aufgeheizten Klima gar keine Chance gehabt.»

Doch Kurt Felix hatte Erfolg: Eine Teleboyfolge lockte einmal rund 2,7 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm, der ewige Rekord in den Schweizer TV-Gefilden. Die Zeile «Hoi, hoi Teleboy» gehörte in meinen Primarschulzeiten neben den Boney-M- und Abba-Melodien zum Standardprogramm von uns Frühstpubertierenden.

Später hatte ich als TeleZüri-Mitarbeiter die Gelegenheit, Kurt Felix persönlich kennen zu lernen. Daraus entwickelte sich eine tolle Freundschaft. Für einen Ostschweizer wie mich war Kurt Felix der fleischgewordene Beweis, dass man es auch östlich von Winterthur nach ganz oben bringen kann.

Im Gegensatz zur ganzen Leutschenbach-Prominenz hatte Kurt Felix zusammen mit Ehefrau Paola Anfang der 1980er-Jahre das geschafft, von dem alle träumten. Er wurde auch ausserhalb unserer Landesgrenzen ein Star – und zwar einer der ganz grossen.

So richtig bewusst wurde mir dies vor sechs Jahren, als mich das Ehepaar Felix zu einer Preisverleihung in die Stuttgarter Regierungszentrale einlud, wo ihm der baden-württembergische Ministerpräsident eine Ehrenmedaille verleihen sollte. Vor dem Gebäude, der Villa Reitzenstein, drängelten sich die Fotografen und Journalisten, drinnen viele TV-Prominente der achtziger Jahre.

Als sich der damalige Landesvater Günther Oettinger nach einer Stunde schweissgebadet zur Runde gesellte, bekannte er als Erstes, dass er trotz aufreibenden Regierungsaktivitäten die Gelegenheit nicht missen möchte, Kurt und Paola, die Identifikationsfiguren seiner Jugend, persönlich kennen zu lernen. Als Dank überliess er den Geehrten und ihren Gästen das Regierungsgebäude bis spät in die Nacht zur freien Verfügung. Irgendwann aber waren Kurt und Paola verschwunden. Leicht verunsichert sass ich zu vormitternächtlicher Stunde praktisch alleine im Gästezimmer der Stuttgarter Regierung und man stellte sich fast schon reflexartig die Frage: «Wo ist eigentlich die versteckte Kamera?»

Es gehört zu den Paradoxien von Kurt Felix’ Persönlichkeit, dass er Zeit seines Lebens revolutionärer war, als seine Kritiker wahrhaben wollten. Selbstredend, dass gerade im Stasi-Staat DDR seine Sendungen mit der versteckten Kamera zu den beliebtesten TV-Programmen gehörten. Kurt Felix war – obwohl bekennend bürgerlich – erfrischend ideologiefrei. Vielleicht war dies sein Erfolgsgeheimnis: Auch als ausgebildeter Lehrer wirkte er in keiner Sekunde lehrerhaft. Vielmehr beherrschte er das Wechselspiel zwischen «Biedermann» und «Brandstifter» hervorragend, verbunden mit einem permanenten Augenzwinkern, welches ihm und seiner Ehefrau Paola diese grandiose und auch einmalige Fernsehkarriere garantierte. Seine Filme mit der versteckten Kamera jedenfalls – hauptsächlich auf Kurt Felix’ Ideen beruhend – zeichneten sich durch eine Radikalität aus, die man dem «Mustergatten» aus St. Gallen keineswegs zugetraut hätte. In dieser Beziehung war er dem praktisch zeitgleich verstorbenen Volksschauspieler Walter Roderer – auch gebürtiger St. Galler – nicht ganz unähnlich. «Nur ein netter Mensch», bekannte er einmal augenzwinkernd, «kann böse Filme präsentieren.»

Auch hier bekam Felix recht: Als Oberzyniker Harald Schmidt die Nachfolge der Sendung «Verstehen Sie Spass?» übernahm, fielen die Quoten in den Keller. «Um erfolgreich zu sein, muss man sein Publikum kennen und auch schätzen», lautete seine Devise. Bei Kurt Felix war dies keine abgedroschene Plattitüde – im Gegenteil: Auch zwanzig Jahre nach ihrem freiwilligen Rücktritt zählten er und Ehefrau Paola immer noch zu den beliebtesten Fernsehmoderatoren des deutschen Fernsehens. Und er war auch im Privatleben wirklich so, wie man ihn vom Bildschirm kannte: freundlich, zuverlässig, grosszügig und voller Schalk. Es wäre aber falsch, Kurt Felix ausschliesslich auf die Rolle des Fernsehmoderators zu reduzieren. Vielmehr war er Produzent, Ideengeber, Gestalter und Präsentator in Personalunion, eine heute nicht mehr vorhandene Qualität.

Die Sendung «Samschtig-Jass» beispielsweise hatte er vor bald 45 Jahren unter dem Namen «Stöck-Wys-Stich» ins Leben gerufen und ist der handfeste Beweis für sein sicheres Gespür für den Publikumsgeschmack.

Als im vergangenen Sommer das deutsche Fernsehen eine zweistündige Samstagabendsendung zum 70. Geburtstag von Kurt Felix ausstrahlte, ahnte noch niemand, dass dies zu einer vorgezogenen Gedenksendung würde. Das kurzweilige Programm erzielte – für alle Medienauguren überraschend – mit Abstand die besten Marktanteile des Abends und begeisterte Zustimmung. Damit hat Kurt Felix in der schnelllebigen Medienwelt das Höchste erreicht: Er ist unsterblich geworden. Kurt, wir werden dich vermissen!

*Der Autor ist Chefredaktor von «persönlich» und «Sonntag»-Kolumnist. Er war mit Kurt Felix befreundet.

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