VON FLORENCE VUICHARD

Seit einem Jahr führt er Post und Postfinance im Doppelamt. Im Interview kritisiert Jürg Bucher die Abhängigkeit der Post von der Bankentochter und verlangt von den anderen Konzernbereichen mehr Rendite. Zudem verrät er, wieso der Hackerangriff auf die Postfinance sein Gutes hat und dass er viel Schlaf braucht.

Herr Bucher, schreiben Sie als oberster Pöstler auch Weihnachtskarten?
Jürg Bucher:Klar. Ich habe dieses Jahr über 300 Weihnachtskarten verschickt. Denn eine Weihnachtskarte ist etwas sehr Persönliches. Und als Post-Chef stelle ich erfreut fest, dass ich die Weihnachtsgrüsse, die ich per E-Mail erhalten habe, an einer Hand abzählen kann. Hingegen habe ich täglich zahlreiche Weihnachtskarten erhalten – von Geschäftspartnern, Freunden und Bekannten.

Kommen Ihre 300 Weihnachtskarten denn auch rechtzeitig an?
98 Prozent unserer Briefe und Päckli kommen pünktlich an. Das ist eine Weltklasseleistung. In der Weihnachtszeit stellen wir täglich über 20 Millionen Briefsendungen zu, ein Drittel mehr als sonst. Bei so grossen Mengen gibt es natürlich auch ein paar wenige Fehler.
Sie fahren jetzt eine Woche in die Weihnachtsferien zum Skifahren.

Können Sie sich das überhaupt eisten als Doppelchef von Post und von Postfinance?
Ich habe hervorragende Kollegen in beiden Geschäftsleitungen – und die machen einen ausgezeichneten Job.

Wie sieht die Schweizerische Post in zehn oder zwanzig Jahren aus?
Ich sehe die Post langfristig als hybrides Unternehmen, als Drehscheibe an der Schnittstelle zwischen physischen und elektronischen Dienstleistungen. Die Post ist prädestiniert dafür: Sie hat das logistische Know-how, ist bei der technologischen Entwicklung mit einer der grössten IT-Abteilungen dabei und geniesst ein grosses Vertrauen.

Kann man denn damit Geld verdienen?
Wir verdienen heute schon Geld damit – zum Beispiel mit der Archivierung für Geschäftskunden wie die Suva oder die Zürich-Versicherung: Wir sammeln die physische Post, scannen sie und archivieren sie elektronisch.

Reden Sie nur über elektronische Angebote oder nutzen Sie sie auch als Privatperson?
In Bankfragen arbeite ich seit Jahren nur noch elektronisch. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Rechnung am Schalter einbezahlt habe. Manchmal lasse ich an einem Automaten Bargeld heraus, damit in meiner Vestontasche nicht nur Karten sind, sondern auch Geld.

Eine zentrale Rolle spielt hier Swiss Post Solutions (SPS). Sie machen daraus eine Werkstatt für die Entwicklung elektronischer Angebote. Der frühere Post-Präsident Claude Béglé nutzte SPS als Vehikel für seine Auslandpläne. Jeder Chef modelliert SPS für seine Zwecke. Wird das gut kommen?
Zuerst möchte ich festhalten, dass wir SPS wieder in die schwarzen Zahlen geführt haben und 2010 einen kleinen Gewinn schreiben werden. Wir haben SPS reorganisiert und im Konzern neu positioniert: SPS hat nun alle Voraussetzungen, sich zu einem starken Konzernbereich zu entwickeln. Jetzt liegts am SPS-Team, in den nächsten Jahren etwas aus diesem Steilpass zu machen und Tore zu schiessen.

Das klingt nach strengen Vorgaben.
Jeder Konzernbereich hat klare Vorgaben in Bezug auf Rendite, Kundenzufriedenheit und Personalzufriedenheit, die er erfüllen muss. Daran werden die einzelnen Konzernbereiche gemessen – und auch ihre Chefs.

Und falls die Chefs die Zielvorgaben nicht erreichen?
Dann muss es negative Folgen haben beim variablen Lohnanteil. Das gilt selbstverständlich auch für mich.

Für 2010 müssen Sie sich keine Sorgen um Ihren Bonus machen. Mit einem Gewinn von über 900 Millionen setzen Sie neue Rekorde.
Die Post wird 2010 sicherlich das beste operative Ergebnis ihrer Geschichte erzielen. Ob es auch einen Rekord gibt, werden wir sehen. Denn die Post hat schon 2007 einen Gewinn von 909 Millionen Franken ausgewiesen. Damals stammten aber über 100 Millionen aus Immobilienverkäufen. 2010 haben wir in allen Märkten markante Fortschritte gemacht, aber der Anteil, den die Postfinance zum Gewinn beiträgt, ist mit 60 Prozent noch zu hoch.

Das sind an die 550 Millionen. Als Postfinance-Chef sollten Sie sich doch freuen.
Natürlich ist der Gewinn erfreulich. Es ist ein Spitzenjahr. Die Postfinance ist erneut stark gewachsen, hat über
100000 neue Kunden gewonnen und 200 Stellen geschaffen. Aber für den Gesamtkonzern ist diese einseitige Abhängigkeit eine Gefahr. Wir müssen sie verringern. Die Post ist in erster Linie ein Kommunikations- und Logistikkonzern, und nicht eine Bank.

Wie wollen Sie das schaffen?
Die anderen Bereiche müssen sich weiter verbessern. Ich sitze gerne auf einem Stuhl mit vier starken Beinen – und nicht auf einem Melkstuhl mit einem einzigen dicken Bein. Deshalb ist die Forderung des Verwaltungsrats richtig: Jeder Bereich muss branchenübliche Renditen erzielen. Heute trägt der Bereich Postauto ein paar Prozent zum Konzerngewinn bei, der Kommunikationsmarkt bringt rund 15 Prozent, der Logistikmarkt ebenso. Das ist eine erfreuliche Entwicklung: Das Logistikgeschäft entwickelt sich zu einem starken Pfeiler, zum ersten Mal verdient die Post hier über 100 Millionen Franken. Auch das Auslandgeschäft muss gemäss der Unternehmensstrategie noch profitabler werden. Unser Ziel ist, dass das Auslandgeschäft bis 2013 rund 11 Prozent zum Gewinn beiträgt. Derzeit liegen wir noch bei deutlich unter 10 Prozent.

Die Postfinance ist also ein Klumpenrisiko für die Post. Können Sie noch gut schlafen im Wissen, dass Sie rund 50 Milliarden Franken Kundengelder im Ausland angelegt haben?
Ich schlafe sehr gut. Wir hatten schon immer eine vorsichtige Anlagepolitik und haben sie in den letzten drei Jahren im Zuge der Finanzkrise nochmals vorsichtiger ausgerichtet. Über 80 Prozent unserer Anlagen haben ein sehr gutes Rating von AAA oder AA. Wir haben auch keine ungesicherten Bankanlagen und machen keine Investitionen mehr in die so genannten PIIGS-Staaten – also in Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Aber natürlich birgt das Anlagegeschäft trotz grosser Vorsicht immer gewisse Risiken.

Müssen Sie 2010 einen Abschreiber verbuchen?
Wir haben 2010 kleine Wertberichtigungen gemacht. Diese belaufen sich auf ein paar 10 Millionen Franken. Bei einem Portefeuille von über 80 Milliarden ist das sehr, sehr wenig. Wir sind gut aufgestellt.
In anderen Worten: Sie wissen nicht mehr, wo das Geld anlegen?
Es ist eine echte Herausforderung. Es wird immer schwieriger, gute Risiken zu anständigen Renditen zu erhalten.

Deshalb wollen Sie eine Banklizenz. Aber das Parlament will sie Ihnen nicht geben. Hoffen Sie nun auf ein Ja zur Post-
Initiative?

Ich stehe der Initiative skeptisch gegenüber. Sie würde uns zwar erlauben, in eigener Regie Hypotheken und Kredite an KMU zu vergeben. Aber wir brauchen diese Erlaubnis, um unser Anlagespektrum zu erweitern und für die Kundenbindung – und nicht, wie die Initiative wünscht, für die Finanzierung bestehender Strukturen. Zudem: Wir müssen unser Poststellennetz den neuen Kundenbedürfnissen anpassen und nicht den Status quo zementieren. Das war noch nie ein Erfolgsrezept.

Hat die Postfinance überhaupt genug Eigenkapital, um die strengeren Bankenregeln von Basel III zu erfüllen?
Wir brauchen für die Vorgaben von Basel III 3,5 Milliarden Franken Eigenkapital – also ziemlich genau so viel, wie der Konzern heute hat. Nur benötigen wir auch Eigenkapital für die anderen Geschäftsbereiche, weshalb wir einen Grossteil unserer Gewinne von 2010, 2011 und 2012 für den Aufbau von zusätzlichem Eigenkapital verwenden wollen. Auch die anderen Kriterien von Basel III werden wir meistern: Die Liquiditätsvorgaben sind zwar noch nicht im Detail bekannt, aber wir werden sie zweifellos sehr gut erfüllen. Heute dürften wir sie sogar übererfüllen. Und auch den Governance-Vorgaben werden wir nachkommen – unter anderem mit der Schaffung eines Verwaltungsrats für die Postfinance.

Letztes Mal hat die Post 200 Millionen ihres Gewinns an die Bundeskasse abgegeben. Wie viel wird es dieses
Mal sein?

Das entscheidet der Bundesrat im Frühjahr. Aber wir werden sicherlich unseren Beitrag leisten.

Welche Folgen hat der Euro-Absturz für Ihr Geschäft?
Für den Post-Konzern sind die Wechselkurse nicht sehr bedeutend. Denn wir haben sowohl auf der Ertrags- wie auch auf der Aufwandseite Beträge in Fremdwährungen. Fürs Land hingegen, besonders für die Schweizer Exportwirtschaft ist diese Entwicklung sehr schwierig. Insbesondere die Schnelligkeit der Entwicklung des Wechselkurses. Die Schweizer Wirtschaft hat die Veränderung von Fr. 1.50 auf 1.30 hervorragend gemeistert. Doch wenn es so weitergeht und so schnell, dann schafft das Probleme. Und das bereitet mir schon Sorgen. Uns darf in der Schweiz nicht egal sein, was in Europa passiert.

Wie gross ist der finanzielle Schaden des Hackerangriffs auf die Postfinance-Website infolge der Wikileaks-Affäre?
Es war kein Hackerangriff. Es war eine Überbelastung unserer Website. Unsere E-Finance war nicht betroffen – Kundendaten und Kundengelder waren zu keiner Zeit gefährdet. Einen Schaden hatten wir so gesehen nicht. Es war einfach ein zusätzlicher Aufwand. Insbesondere die Informatiker waren während 30 Stunden im Dauereinsatz.

Die Hacker wollten ja kein Geld stehlen, sondern die Postfinance
nur bestrafen.

Sie wollten unseren Internetzugang sperren. Tatsache ist: Es war eine weltweite Attacke, die Schweiz spielte nur eine kleine Rolle. Es ist eine unschöne Geschichte, aber sie hat auch eine positive Seite: Wir haben viel gelernt. Wir haben neue Erfahrungen gemacht. Es ist eine ganz neue Dimension von Angriffen – und die ist schon besorgniserregend. Wahrscheinlich ist das jetzt der Preis der Globalisierung und Vernetzung.

Werden Sie nun einen Krisenstab bilden?
Wir hatten schon vorher eine gut eingespielte Krisenorganisation. Und die war auch im Fall Wikileaks innert Minuten im Einsatz.

War letztlich der Imageschaden grösser als der finanzielle Schaden?
Ich glaube nicht, dass die Postfinance deswegen einen Imageschaden erlitten hat. Wir hatten verschiedene Anrufe im Kundendienst dazu.

Aber Sie würden heute die Kontoschliessung nicht mehr kommunizieren?
Mehr als ich bis anhin in der Öffentlichkeit gesagt habe, kann ich nicht sagen: Wir sind der Meinung, dass wir keine Verletzungen des Postgeheimnisses gemacht haben. Das zuständige Departement, das Uvek, untersucht nun die Vorfälle.

Hat sich die Bundesanwaltschaft schon bei Ihnen gemeldet im
Nachzug der Klage, die die Piratenpartei eingereicht hat?

Die Bundesanwaltschaft klärt derzeit, wie bereits früher kommuniziert, die Vorfälle ab.

Zurück zur Post: Wie viel ist denn das Briefvolumen 2010 geschrumpft?
Per Ende Jahr sind es bei den adressierten Briefen voraussichtlich weniger als 2 Prozent. Das Volumen hier wird sicherlich auch in den nächsten Jahren abnehmen. Die Menge der unadressierten Briefe hingegen hat zugenommen. Es ist müssig, dauernd darüber zu diskutieren, wie viel das Briefvolumen sinken wird. Wir müssen grundsätzliche Überlegungen machen: Hat der Brief in Zukunft eine Chance oder läuft sein Lebenszyklus aus? Und falls er eine Chance hat, wie muss er positioniert sein, um diese optimal zu nutzen? Ich persönlich bin überzeugt, dass der Brief lebt. Wir bei der Post reden darüber, wie wir den Brief revitalisieren können, statt dauernd das falsche Bild vom Sterbebett zu bemühen.

Wird der Brief teurer?
2011 ist im Standardangebot keine Preiserhöhung vorgesehen.

Sie führen den Post-Konzern nun seit einem Jahr. Was hat Sie in dieser Zeit besonders gefreut?
Wir sind sehr, sehr turbulent gestartet, haben aber dann, sobald die personellen Fragen geklärt waren, sehr schnell zu unserem eigentlichen Geschäft zurückgefunden. Wir haben in einem Steigerungslauf das Jahr ausgezeichnet gemeistert. Und es freut mich, dass wir jetzt den Mitarbeitern einen Weihnachtsbatzen geben können von 250 oder 500 Franken – je nachdem, ob ihr Pensum unter oder über 50 Prozent liegt.

Wird sich das gute Ergebnis auch auf den Personalbestand auswirken?
Ja, bei der Postfinance werden wir 2011 über 100 neue Stellen schaffen. Und auch bei Postauto suchen wir im nächsten Jahr rund 100 Buschauffeure.

Stehen Sie eigentlich auch manchmal selber an den Postschalter?
Das habe ich dieses Jahr einmal gemacht, an meinem Wohnort in Wichtrach – unter strenger Aufsicht der stellvertretenden Poststellenleiterin, einer ehemaligen Schulkollegin.

Sie sind ein leidenschaftlicher Orientierungsläufer. Hilft Ihnen dieser Sport, im Job die Orientierung zu behalten?
Der Orientierungslauf hat den Vorteil, dass man auch bei starker läuferischer Belastung noch klar denken muss. Das hilft auch bei der Arbeit als Manager. Ich kann auch unter Druck klar denken.

Haben Sie als Doppelchef überhaupt noch Zeit für den Orientierungslauf?
Ja, ich habe 2010 etliche Wettkämpfe absolviert.

Und um die Arbeit nachzuholen, kommen Sie mit vier Stunden Schlaf aus?
Nein! Ich brauche den Schlaf – und bin stolz darauf. Wenn ich unter der Woche auf sieben Stunden komme pro Nacht, ist es gut. Und am Wochenende schlafe ich in der Regel noch mehr. Ich halte nichts von den Managern, die damit bluffen, mit nur wenig Stunden Schlaf auszukommen. Schlecht ausgeschlafene Führungskräfte bringen nichts – weder dem Geschäft noch ihren Mitarbeitern.

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