Ganz so harmlos wie bisher dargestellt, war die Geschwindigkeitsübertretung des Aargauer Polizeikommandanten Stephan Reinhardt doch nicht. Im Gegenteil: Laut den TV-Regionalsendern «Tele Züri» und «Tele M1» passierte die Tempobolzerei bei der Autobahnzubringerstrasse Brunau (ZH). Von dort fährt man über die Westumfahrung in den Kanton Aargau. Wie «Der Sonntag» nun in Erfahrung brachte, gilt dieser Streckenabschnitt bei der Zürcher Polizei als «gefährlich».

Darum muss sich der Aargauer Polizeikommandant jetzt Kritik aus den eigenen Reihen gefallen lassen. «Der Radar steht aus Sicherheitsgründen dort. Auf dieser Strecke kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen und Unfällen», sagt der Stadtzürcher Polizeisprecher Marco Bisa. Die Zürcher Polizei stellt weiter klar: «Dort befindet sich auch noch die Ausfahrt aus dem Einkaufszentrum Sihlcity. Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 60km/h ist dabei gut sichtbar signalisiert.»

Kommt dazu: Wer wie der Aargauer Polizeichef mit 26km/h zu schnell unterwegs war und geblitzt wurde, gilt als schwerer Fall. Deshalb wurde er bei der Zürcher Staatsanwaltschaft verzeigt. Aufgrund dieser neuen Fakten hört sich die Erklärung des Polizeikommandanten über seinen Geschwindigkeitsexzess eher wie eine Ausrede an. Er habe irrtümlich gemeint die Höchstgeschwindigkeit betrage dort 80 km/h. Effektiv war er in einer 60er-Zone mit 26km/h zu viel auf dem Tacho unterwegs. Diese Geschwindigkeit zeigte die sogenannte semistationäre Radaranlage an, als der Aargauer Polizeichef am Steuer seines Privatwagens und auf der Heimfahrt in den Aargau geblitzt wurde. Dabei ist der Toleranzwert bereits abgezogen.

Kaum wurde die Tempobolzerei, die eine grobe Verkehrsverletzung mit Führerausweisentzug zur Folge hat, publik, erhielt Reinhardt aus allen Ecken Rückhalt. Der Vorfall sei zwar nicht vorbildhaft, aber er könne passieren, meint der Aargauer FDP-Fraktionspräsident Daniel Heller. Gleicher Meinung ist SVP-Fraktionschef Andreas Glarner. Und der für die Justiz zuständige Regierungsrat Urs Hofmann (SP) sprach dem Polizeichef sein volles Vertrauen aus. Dass er von allen Seiten in Schutz genommen wird, ohne dass man über die genauen Begleitumstände der Geschwindigkeitsübertretung Bescheid wusste, erscheint im neusten Lichte betrachtet als eine etwas vorschnelle Reaktion.

Allerdings ist der Aargauer Polizeikommandant nicht der Einzige, der auf der gefährlichen Strecke zu sehr aufs Gaspedal drückte. Polizeisprecher Bisa: «Der semistationäre Radar steht seit einem Jahr bei der Autobahneinfahrt Brunau. In dieser Zeitspanne wurden rund 5700 Fahrzeuge geblitzt.» In Rechnung gestellt wurden Ordnungsbussen in der Höhe von ca. 400 000 Franken. Keine Angaben gibt es dazu, wer von den 5700 geblitzten Autofahrern ähnlich massiv zu schnell unterwegs war wie der Aargauer Polizeikommandant. Reinhardt will keine Stellungnahmen mehr abgeben. Man habe bereits ausführlich zum strafbaren Verhalten informiert. Er übernehme für seinen Irrtum die Verantwortung und akzeptiere die Busse sowie Führerausweis-Entzug, sagt die Kapo Aargau.

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