Nun hat das Warten auch für Sunrise-Kunden ein Ende: Der zweitgrösste Schweizer Mobilfunkbetreiber wird in den nächsten Tagen sein schnelles Handynetz der vierten Generation, das sogenannte 4G-Netz, aufschalten. Von Beginn an werden Zürich, Genf, Bern und Basel sowie Teile des Tessins und kleinere Städte wie Zug oder Luzern abgedeckt, wie das Unternehmen bestätigt. Als Letzter der drei Anbieter bietet damit Sunrise seinen Kunden Surfgeschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s im Mobilfunknetz. Doch während die Zahl der 4G-Endgeräte noch überschaubar ist, sorgen sich die Betreiber um die zukünftige Versorgung in der Schweiz. Sie warnen vor überlasteten Netzen und Versorgungslücken.

Die Swisscom verzeichnete letztes Jahr bei den mobilen Daten ein Wachstum von 85 Prozent, bei Sunrise verdoppelt sich das Volumen alle 14 Monate. Um neue Kapazitäten zu schaffen, will nun die Swisscom jedes Jahr 300 neue Antennen in Betrieb nehmen, wie ihr Sprecher Olaf Schulze bestätigt.

Sunrise, die mit bisher 4000 Antennen am meisten Aufholbedarf hat, will dieses Jahr gar mehr als 300 neue Exemplare aufstellen, Orange rechnet mit 150 neuen Antennen. Das Wachstum geht weiter, wie die Anbieter bestätigen. In den nächsten zehn Jahren sollen somit 8000 neue Antennen hinzukommen. Das entspricht einer Steigerung um 50 Prozent (siehe Grafik). «Neue Antennen sind unvermeidlich, um das Wachstum abzudecken», sagt David Bowler, Leiter des Swiss Electromagnetic Research and Engineering Centre der ETH, «unabhängig von der eingesetzten Technologie».

Angesichts des anhaltenden Protests gegen neue Antennenstandorte und langwierige Bewilligungsverfahren sind die Pläne ambitioniert. Die Netzbetreiber und die Wirtschaft fürchten nun, dass die Schweiz den technologischen Anschluss an die Nachbarländer verpassen könnte. In Netztests verlieren Schweizer Anbieter seit Jahren an Boden. Bernd Theiss vom deutschen Fachblatt «connect» bestätigt ein Absinken der Netzqualität. Seien die Schweizer Betreiber etwa den deutschen noch vor wenigen Jahren spürbar überlegen gewesen, habe letztes Jahr die Deutsche Telekom erstmals die Swisscom geschlagen. Österreich wiederum spiele im Vergleich zur Schweiz mittlerweile «in einer eigenen Liga». Die Swisscom erreichte im «connect»-Test noch so viele Punkte wie der drittbeste österreichische Anbieter.

Verantwortlich machen die Anbieter die Gemeinden, den Bund – und das Bundesgericht. Vom Kaskadenmodell etwa, welches dieses bewilligt hat und vorsieht, dass neue Antennen primär in Gewerbezonen aufzustellen sind, halten sie wenig bis nichts. Sunrise-Sprecher Roger Schaller führt das Beispiel der bernischen Gemeinde Urtenen-Schönbühl an. Dort wurde ein Projekt jahrelang sistiert. Am Standort der Antenne dürfte dies wenig ändern: «Wir sind zuversichtlich, dass der Standort wie vorgesehen realisiert werden kann», teilt Schaller mit. Aus jahrelangen Reglementsänderungen resultierten damit nur Verzögerungen des nötigen Netzausbaus, ohne dass Standorte verhindert würden.

Hinzu kämen Planungszonen und Moratorien. Diese seien zwar oft rechtswidrig, würden aber von den Gemeinden immer häufiger eingesetzt. Bei Orange tönt es ähnlich: «Tendenzen, den Netzausbau zu erschweren, könnten dazu führen, dass die Schweiz den Anschluss verliert», sagt Mediensprecherin Therese Wenger.

Auch die Swisscom sieht Bedarf für eine «notwendige Diskussion um rechtliche Rahmenbedingungen» und spricht von der «Absehbarkeit, dass neue Möglichkeiten an die Grenzen der Bewilligungsverfahren stossen». Um die Qualität der Schweizer Netze sorgt sich mittlerweile auch die Wirtschaft: Economiesuisse und der IT-Branchenverband präsentierten diese Woche die Forderung, Schweizer Grenzwerte an die EU anzugleichen und das Bewilligungsverfahren zu vereinfachen.

FDP-Nationalrat Ruedi Noser schlägt in die gleiche Kerbe: «Bei der Netzqualität haben wir in den letzten Jahren verloren», meint er und bringt einen weiteren Vorschlag ins Spiel: Die Gemeinden sollten definieren, welche Abdeckung sie wünschen und den entsprechenden Ausbau der Infrastruktur zulassen. «Eine 4G-Abdeckung zu wollen ohne Antenne im Dorf», sagt er, «geht nicht.»

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