Die Pflege von älteren Menschen wandelt sich. Weniger Senioren leben in einem Altersheim. Dafür benötigen die Pflegeheime jährlich rund 800 Plätze mehr. Das zeigt eine neue Studie von Curaviva Schweiz, dem Dachverband der Alters- und Pflegeheime. Aktuell leben 1400 Senioren in einem Altersheim. Das sind halb so viele wie noch vor zehn Jahren. Ganz anders sieht die Situation in den Pflegeheimen aus. 118 000 Bewohner zählen sie – 50 Prozent mehr als noch 2001.

Die gute Nachricht: Senioren sind heute im Schnitt später pflegebedürftig als früher. Weniger als 2 Prozent der Senioren unter 75 sind heute auf Hilfe in einer Altersinstitution angewiesen. Bei den 85-Jährigen sind es knapp 10 Prozent. Durchschnittlich sind die Männer heute 81 Jahre alt, wenn sie von zu Hause in ein Heim zügeln. Die Frauen sind 85. «Der Grund dafür ist die verbesserte ambulante Versorgung. Trotz kleiner Gebrechen können ältere Menschen heute länger zu Hause bleiben», sagt Markus Leser, Leiter des Fachbereichs Menschen im Alter bei Curaviva.

Die schlechte Nachricht: Bevölkerungsprognosen zufolge wird sich die Gruppe der über 80-Jährigen bis zum Jahr 2060 fast verdoppeln. Und die Senioren sind beim Eintritt in ein Pflegeheim nicht nur älter, sondern auch entsprechend pflegebedürftiger. «Die Komplexität der Pflege nimmt zudem zu, da immer mehr Menschen im hohen Alter nicht mehr nur eine, sondern mehrere Krankheiten haben», sagt Leser.

Die höheren Pflegeleistungen wirken sich vor allem auf die Kosten aus. Gemäss neusten Zahlen betragen die Kosten für die Pflegeheime jährlich 8,6 Milliarden Franken. Das ist eine Zunahme von einer Milliarde in nur drei Jahren.

Rund 7500 Franken pro Monat oder 250 Franken pro Tag kostet ein durchschnittlicher Platz in einem Schweizer Pflegeheim. Für die Betreuung und Hotellerie müssen die Betagten selber aufkommen. Die Pflegekosten werden aufgeteilt: Krankenkassen (fixer Beitrag pro Pflegestufe), Heimbewohner (max. 20 Prozent des höchsten Beitrages der Krankenkassen; pro Tag max. Fr. 21.60) und öffentliche Hand.

Um den Pflegebedarf mit genügen Personal zu decken, werden jetzt Massnahmen erarbeitet. Unter anderem sollen Berufsumsteigerinnen oder Wiedereinsteigerinnen für Pflegetätigkeiten gewonnen werden. Bereits heute arbeiten 116 000 Menschen in einem Pflegeheim. Die Zahl der Vollzeitjobs ist in den vergangenen zehn Jahren geradezu explodiert: Plus 45 Prozent und ist damit einer der am stärksten wachsenden Bereiche der schweizerischen Volkswirtschaft. Und doch fehlen noch immer Tausende Fachkräfte.

1545 Pflege- und 45 Altersheime gibt es in der Schweiz. Für viele Menschen wird früher oder später der Eintritt in eine dieser Institutionen unumgänglich. Doch die meisten Senioren schieben den Zeitpunkt so lange wie möglich hinaus. «Viele verpassen den geeigneten Zeitpunkt und alles muss dann in Hauruck-Aktionen organisiert werden», stellt Leser fest. Klar ist: «Der Eintrittszeitpunk ist individuell. Meist sind es die Angehörigen, die merken, dass sie trotz Hilfe von Spitex oder privaten Betreuungsanbietern an ihre Grenzen kommen.»

Der Betreuungsmarkt boomt. Zahlreiche private Firmen bieten nichtmedizinische Alltagshilfen an. Die Grösste ist Home Instead (siehe Kasten). Daneben sind geschätzte 30 000 Privatpflegerinnen aus Polen oder Ungarn für sogenannte 24-Stunden-Betreuungen im Einsatz – für teilweise weniger als 2000 Franken pro Monat.

Die Gewerkschaften sind alarmiert. Derzeit arbeitet die Unia zusammen mit dem Dachverband der privaten Anbieter «Zu Hause leben» an einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Die Vertragspartner sind überzeugt, bis Ende Jahr zu einem Abschluss zu kommen.

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