Herr Darbellay, die Armee soll neu ein Budget von 5 Milliarden erhalten. Zufrieden?
Christophe Darbellay: Ueli Maurer hat es geschafft, zuerst den Ständerat einzuseifen und jetzt auch die Nationalratskommission. Ich bin als Gefreiter gar kein Armeegegner. Die Schweiz braucht eine schlanke und schlagkräftige Armee. Mir spielt es keine grosse Rolle, ob mit 80000 oder 100000 Mann. Aber 4,4 Milliarden Franken pro Jahr, was das heutige Budget ist, reichen völlig aus. Man soll das Geld doch effizienter einsetzen.

Was ist mit dem Kauf neuer Jets?
Man kann über eine einmalige Sonderfinanzierung reden. Doch im Grundsatz gilt: Maurer soll halt für Ordnung sorgen in seinem Departement. Eine Budgetaufstockung von 600 Millionen Franken pro Jahr kommt nicht infrage! Es gibt andere Prioritäten in der Schweiz, wie Bildung und Verkehrsinfrastrukturen zum Beispiel. Das ist übrigens auch die Meinung des Bundesrats. Doris Leuthard hat sich jüngst diesbezüglich klar und mit Recht geäussert.

Die CVP wird das Paket ablehnen?
Das ist die Meinung unserer Basis. Die CVP-Delegierten haben vor einigen Monaten den Wahlvertrag 2011 praktisch einstimmig verabschiedet. Wir müssen klare Prioritäten setzen. Der Staat muss in zukunftsweisende Bereiche investieren – und sicherlich nicht in neue Kasernen. Es geht nicht, dass Doris Leuthard für drängende Projekte auf Schiene und Strasse, von denen die ganze Gesellschaft und Wirtschaft profitieren würde, betteln muss, und auf der anderen Seite stocken wir das Armeebudget auf. Das ist völlig quer!

Ihre Parteimitglieder werden von der SVP mit attraktiven Paketen umworben. Macht Ihnen das Angst?
Das sind Einzelfälle! Aber die angewandten Mittel der Abwerbungsstrategie scheinen mir zutiefst unschweizerisch. Die Demokratie kann man nicht kaufen. Schon lange hatte man das Gefühl, dass hier etwas stinkt. Mit den klaren Aussagen von Elmar Maeder und Emmanuel Kilchenmann kommt etwas Licht in die Sache. Ich bin froh, dass die beiden so klar gesagt haben: So nicht! Chapeau!

Andere CVPler haben gewechselt.
Am Schluss muss das Stimmvolk sagen, ob solche Methoden okay sind oder nicht. Wir kennen sie von Bananenrepubliken her.

Gehts in der Politik zu und her wie im Fussball, wo die Spieler die Mannschaft aus Karriere- und finanziellen Gründen wechseln?
Politik hat vor allem mit Gesinnung und Engagement für die Allgemeinheit zu tun. Verwechselt man das mit Calcio, ist das unsäglich. In der SVP ist das vielleicht möglich, weil man da nur auf den Guru von Zürich hören und dann folgen muss. Das ist einfach. Die SVP-Leitung sorgt für alles und denkt für alle.

Sind Sie besorgt, dass die SVP für den Wahlkampf auf zig Millionen zurückgreifen kann?
Haben Sie keine anderen Fragen als Fragen über die SVP ? Ich habe mich darauf eingestellt, dass die SVP zwischen 20 und 25 Millionen hat für diesen Wahlkampf. Und wir arbeiten halt mit dem, was wir haben. Mit 2 bis 3 Millionen. Die Bilanz einer Partei soll auch zählen, nicht nur die Dezibel, die sie produziert. Hier ist die CVP einfach besser, für die Familien, für den Mittelstand und für die Arbeitsplätze.

Glauben Sie, dass die SVP zulegt?
Ihre Attacke auf den Ständerat geht in die Hose. An einen Riesenerfolg dieser Partei glaube ich nicht. Ihre frontale Opposition gegen den bilateralen Weg ist wirtschaftsfeindlich. Die SVP ist intern zerstritten wie noch nie. Ich bin mir nicht sicher, dass das Volk nur mit Slogans glücklich wird. Irgendwann braucht es auch Lösungen und Resultate.

Die SVP bleibt auch nach den Wahlen die mit Abstand grösste Partei. Hat sie Anrecht auf zwei Bundesratssitze?
Über die Bundesratszusammensetzung reden wir nach den Wahlen. Ich will vor allem einen Bundesrat, der funktioniert, der in gewissen wichtigen Fragen eine gemeinsame Meinung hat und diese gemeinsam vertritt. Das ist viel wichtiger, als darüber zu spekulieren, wer die nächste Miss Schweiz wird. Wir stehen sicher zur Konkordanz, aber die reine Mathematik führt nicht zum Ziel. Die inhaltliche Konkordanz ist mindestens so wichtig.

Wie funktioniert denn der aktuelle Bundesrat?
Abgesehen vom Gezerre um das 2-Milliarden-Paket funktioniert er besser als auch schon. Es gibt mehrere gute Persönlichkeiten: Doris Leuthard…

Das müssen Sie jetzt sagen.
Sie ist einfach eine fantastische Bundesrätin. Ebenfalls gute Arbeit machen Eveline Widmer-Schlumpf und Simonetta Sommaruga.

Drei Frauen also.
Ja, so ist es halt. Es sind die stärksten Persönlichkeiten im Moment. Didier Burkhalter ist auch ein geradliniger Typ, er arbeitet viel, hat gute Dossierkenntnis, ist intelligent. Aber letztlich ist in der Gesundheitspolitik nicht viel gegangen. Die Prämien steigen weiter munter an, auch wenn die Nullrunde in mehreren Kantonen die Realität etwas verfälscht. Für den Mittelstand wird es eine sehr schwere Last.

Was sagen Sie zu Johann Schneider-Ammann?
Die Situation mit dem starken Franken ist für alle schwierig, auch für ihn. Lange wollte der Bundesrat nichts machen, machte Sommerferien. Jetzt will er 2 Milliarden verteilen und weiss noch nicht wie. Es werden Erwartungen geweckt – und viele werden enttäuscht sein. Wir möchten gezielte, befristete und wirksame Massnahmen, ohne der nächsten Generation Schuldenberge zu hinterlassen.

Die CVP musste jüngst viel Kritik von der FDP einstecken. Fulvio Pelli bezeichnete Leuthard als Linke…
Um Leuthard als Linke zu bezeichnen, muss man schon bekifft sein!

Es war nicht die einzige Attacke auf CVP-Exponenten.
Die FDP befindet sich offenbar in der Phase der «splendid isolation», in der sie sich total von der Mitte verabschieden will und auf alle Fronten schiesst. Die FDP behauptet sogar, dass sie nie eine Mittepartei war. Es ist vor allem Wahltaktik und Marketing. Fulvio Pelli will sich als rechte Kraft, als Alternative zur SVP positionieren.

Wer soll letztlich die beiden Bundesräte einer total isolierten FDP wählen?
Ich werde persönlich immer Bundesräte wiederwählen, die gut gearbeitet haben. Das ist mein Grundsatz.

Sie werden also Schneider-Ammann und Burkhalter wieder wählen?
Es ist eine geheime Wahl. Das Einzige, was ich bis und mit heute immer gesagt habe: Ich werde Frau Widmer-Schlumpf wiederwählen. Weil sie sehr kompetent ist. Aber ich wünsche der FDP nichts Schlimmes. Es stimmt für mich, wenn FDP und CVP gestärkt aus den Wahlen hervorgehen. Schliesslich müssen die konstruktiven Kräfte gestärkt werden und nicht die Polparteien. Die beiden staatstragenden Parteien FDP und CVP stimmen nach wie vor in 80 bis 85 Prozent der Fälle gleich. Wirtschaftspolitisch, finanzpolitisch, bei der Sicherheit, in Bezug auf die bilateralen Verträge – wir ziehen am selben Strick. Es gibt natürlich auch Unterschiede: Wir sind bei der Energiefrage und der Familienpolitik viel besser aufgestellt.

Wollen Sie eine Allianz mit der FDP?
Ich bin seit eh und je für die Zusammenarbeit der konstruktiven Kräfte. Ich sage bewusst nicht, Mittekräfte, sonst bekommt der potenzielle Partner wieder Allergien. Es ist unsere Politik, die den Erfolg der Schweiz garantiert. Nicht die Politik der Linken. Und nicht derjenigen Kräfte, die unsere bilateralen Verträge in den Müll entsorgen wollen.

Haben Sie schlaflose Nächte vor der Atom-Ausstiegs-Debatte? Lehnen die CVP-Ständeräte den Ausstieg ab, steht die CVP vor dem Scherbenhaufen.
Es ist entscheidend, dass der Ständerat den Entscheid stützt. Und unsere Ständeräte sind sehr kompetent. Man kann sie nur mit Argumenten überzeugen. Mit Druck erreicht man nichts. Natürlich gehts auch um Parteiinteressen, aber es geht in erster Linie um die Zukunft der Schweiz und unserer Kinder.

Und um die Glaubwürdigkeit der CVP.
Es kann niemand behaupten, dass der Atomausstieg nicht dank der CVP zustande gekommen ist. Wir müssen Wort halten und auf der Linie bleiben. Und auch die Basis steht voll dahinter, auch in den konservativen Stammlanden. Die sind in Sachen Nachhaltigkeit, Schöpfung viel weiter! Und viel freier! Und vergessen wir nicht: Wir hatten schon mal ein Moratorium. Damals war es die Rechte, die das wollte und dem Bauherrn von Kaiseraugst 300 Millionen schenkte. Und was haben die Atombefürworter in den 25 Jahren gemacht? Nichts! Nicht einmal das Atommüll-Problem ist gelöst. Bei den erneuerbaren Energien sind wir einfach stehen geblieben – und wurden überholt.

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