VON NADJA PASTEGA UND SANDRO BROTZ

In der Kirche brodelt es. Täglich treten Mitglieder aus, die Negativmeldungen reissen nicht ab. Jetzt gibt die katholische Kirche Gegensteuer. Sie startet eine schweizweite Plakatkampagne – Slogan der Aktion: «Mehr Good News.»

Die Medienkommission der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) entschied im November, die Kampagne zu lancieren. Nach den publik gewordenen Missbrauchsvorwürfen erhält sie jetzt eine neue Dynamik. Das sorgte in den letzten Tagen kirchenintern für Diskussionen. Am Freitag fiel der Entscheid, die Aktion «Mehr Good News» durchzuziehen.

«Wir sind uns bewusst, dass die Kampagne heikel sein könnte und wir abwägen müssen, ob es zynisch wirken kann», sagt Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) dem «Sonntag»: «Aber es ist wichtig, die positive Grundbotschaft der Kirche in der Öffentlichkeit besser zu transportieren.»

Die Mediale Grossoffensive startet in der ganzen Schweiz gleichzeitig – mit 5000 Plakaten. Diese werden bis spätestens nach Ostern an alle 2000 Schweizer Pfarrgemeinden verschickt. Für die Romandie und das Tessin gibt es Übersetzungen. Die Plakate werden bis zum 16. Mai an den Schaukästen der Kirchen und an den Kirchenpforten aufgehängt.

Dann findet der «Mediensonntag» der katholischen Kirche statt. Ein jährlich wiederkehrender Event, bei dem die Kirche mit einer Kollekte um Unterstützung für ihre Medienarbeit wirbt.

Gestaltet hat die Kirchenreklame der Schweizer Kult-Designer Beda Achermann. Zu seinem illustren Kundenkreis gehören Migros, Swisscom, «Blick» und die Männer-«Vogue». Für die katholische Kirche arbeitet Achermann für Gotteslohn, also gratis. «Man muss die Kampagne jetzt erst recht starten», sagt PR-Profi Achermann.

Neben der Plakatkampagne wirbt die katholische Kirche auch im Internet um Goodwill: Am 15. April wird die neue Website mehr-good-news.ch aufgeschaltet – in allen drei Landessprachen. Dort können die Pfarrgemeinden und Kirchenmitglieder gute Nachrichten aufs Netz stellen.

Mit der Imagekampagne wirbt die katholische Kirche für mehr Vertrauen in der Öffentlichkeit. Trotz aktueller Krise sollen gute Nachrichten ins Zentrum gerückt werden. «Wir wollen die Menschen in den Pfarreien in dieser schwierigen Zeit ermutigen», sagt RKZ-Generalsekretär Kosch. «Die Kirche steht nicht nur für schlechte Nachrichten, sondern auch für Menschen, denen in der Krise und in wirtschaftlicher Not geholfen wird.» Momentan komme die gute Botschaft der Kirche zu kurz, «aber daran sind wir teilweise selber schuld».

«Man kann nicht die ganze Kirche verdammen», sagt Johannes Melchior Etlin, Geschäftsführer der Katholischen Internationalen Presseagentur Kipa und verantwortlich für die Logistik der Plakataktion: «Es kann nicht sein, dass man nicht mehr sagen darf, dass es auch gute Priester gibt. Nicht alle sind pädophil. Die Kirche macht auch viel Gutes.»

Nicht nur medial holt die katholische Kirche zum Befreiungsschlag aus. Zur Krisenbewältigung gehört auch ein bisher nicht bekannter 6-Punkte-Plan, der Verhaltensregeln bei sexuellen Übergriffen vorschreibt. Der Plan wurde erst gestern Samstag einzelnen Synoden bekannt. Treibende Kraft dahinter ist die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (RKZ). Sie hat diese Woche an alle katholischen Kantonalkirchen einen Brief versandt, dessen brisanter Inhalt dem «Sonntag» bekannt ist.

«Die gehäufte Aufdeckung von sexuellen Übergriffen durch Seelsorger hat nun auch die Schweiz erreicht», heisst es in dem Schreiben, das von RKZ-Generalsekretär Kosch unterzeichnet ist. Ziel sei, die Kantonalkirchen «in dieser schwierigen Situation zu unterstützen». Konkret enthält der Brief 6 Verhaltensregeln, die von den kirchlichen Organisationen bei Missbrauchsfällen zwingend anzuwenden sind:

Die Opfer stehen im Zentrum. Es muss alles unternommen werden, um ihnen zu helfen und weitere Übergriffe zu verhindern.

Die zuständigen staatlichen Instanzen wie Opferhilfestellen sind unverzüglich einzubeziehen.

Bei einem konkreten Tatbestand oder bei Verdacht gilt eine Anzeigepflicht für die Mitglieder der staatskirchlichen Organisationen (Information der Strafverfolgungsbehörden).

Die Persönlichkeitsrechte der Arbeitnehmer und Schutzbefohlenen müssen gewahrt bleiben.

Etliche kantonalkirchliche Organisationen verfügen über Richtlinien, Schulungsangebote. Sie müssen diese Instrumente kommunizieren, nutzen und überprüfen.

Glaubwürdige, transparente und sachdienliche Information. Es braucht eine klare Regelung, wer die Kommunikation vertritt.

Im Unterschied zur bisherigen, zurückhaltenden Taktik der Schweizer Bischofskonferenz sehen die neuen Massnahmen damit erstmals eine Anzeigepflicht durch die kantonalen Landeskirchen vor.

Mit dem gebündelten Paket an Aktionen und Anweisungen beschreitet die katholische Kirche in der Schweiz einen offensiveren Weg in der seit Wochen schwelenden Missbrauchsaffäre.

«Duell Aktuell» nächsten Dienstag, 18.30 Uhr bei Tele M1 zur Krise in der Kirche: Abt Martin Werlen und Unternehmer Otto Ineichen im Gespräch mit Werner De Schepper.

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