Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft gibt sich beim Kampf um die Atomtechnologie noch nicht geschlagen. Basis dafür liefert eine repräsentative Umfrage, die das Meinungsforschungsunternehmen GfS im Auftrag von Economiesuisse zwischen dem 5. und 14. Mai durchführte und die dem «Sonntag» vorliegt.

Die Hauptaussagen der «PlanungsstudieIIKernenergie», die vor dem Atomausstiegsentscheid des Bundesrats gemacht wurde, sind:

84 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind gegen überstürzte Lösungen und wollen, dass in Ruhe eine sichere Lösung für eine ausreichende Stromversorgung gefunden wird.
67 Prozent lehnen einen Bau von neuen AKW ab, wenn morgen darüber abgestimmt würde.
65 Prozent befürworten einen Atomausstieg auch bei spürbar höheren Preisen.
59 Prozent wollen die bestehenden AKW bis ans Ende der Betriebszeit am Netz lassen, aber keinen neuen Atommeiler mehr bauen.
47 Prozent wollen einen Atomausstieg, selbst wenn die Stromversorgung danach nicht mehr perfekt funktionierte.
46 Prozent sind gegen Gas-Kombikraftwerke als Brückentechnologie, bis erneuerbare Energien genügend Strom produzieren können.
36 Prozent wollen Mühleberg und Beznau sofort abschalten.
33 Prozent wollen, dass sämtliche AKW vor Ablauf der Betriebszeit stillgelegt werden.
Interessant ist, dass der Anteil der Gegner neuer AKW bei einer leicht geänderten Fragestellung bereits um 12 Prozent sinkt. Wird die Frage nach neuen AKW mit den Sicherheitsstandards moderner Atomanlagen verknüpft, sind statt 67 Prozent bloss noch 55 Prozent gegen neue AKW. Die Zahl der Befürworter steigt von 29 Prozent auf satte 41 Prozent.

Die Thematisierung der Technologiefrage durch Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer und sowie Vertreter der Strombranche ist also kein Zufall. Sie betonten mehrfach, dass man die Atomtechnologie nicht verbieten dürfe und sicherheitstechnisch verbesserte Reaktoren eine Option bleiben müssten.

Die repräsentative Umfrage belegt zudem den Stimmungswandel seit dem Reaktorunglück in Fukushima eindrücklich: In der gleich konzipierten, ersten Economiesuisse-Umfrage von vergangenem August hätten noch 49 Prozent einen Bau von neuen AKW bestimmt oder eher befürwortet. Heute sind es bloss noch 29 Prozent.

Umgekehrt ist der Anteil der Gegner von neuen Atommeilern von 49 Prozent auf 67 Prozent gestiegen. Die Werte vom August 2010 zeigen jedoch auch, dass bei den Schweizer Stimmberechtigten bereits vor Fukushima grosse Vorbehalte gegenüber der Atomtechnologie dominierten. So waren bereits damals die Gegner neuer Atomkraftwerke mit 49 Prozent zahlreicher als die Befürworter mit 43 Prozent.

Laut der Kampagnenleiterin von Economiesuisse, Ursula Fraefel, fördert die Studie Bemerkenswertes zutage. «Wir haben ein negativeres Bild erwartet.» So habe sie überrascht, dass 84 Prozent der Befragten der Ansicht seien, dass man nicht überstürzt aus der Atomenergie aussteigen solle. Das hätte sie nicht erwartet. Erstaunlich sei auch, dass lediglich 38 Prozent der Befragten die AKW durch Gaskraftwerke ersetzen wollten, obwohl diese jetzt durch die Politik propagiert werden. Besonders bemerkenswert findet Fraefel dagegen, dass 41 Prozent der Befragten aus Sicherheitsgründen neue AKW bauen wollen. «Dieser Befund hat mich überrascht, das beleuchtet die Diskussion neu.»

Bei der Steuerinitiative waren ursprünglich weniger als 30 Prozent gegen die SP-Initiative gewesen. An der Urne war die Vorlage dann mit 58 Prozent der Stimmen abgelehnt worden. «Aus Kampagnensicht muss ich sagen, dass man die Leute möglicherweise überzeugen könnte, die alten AKW Mühleberg und Beznau durch ein neues zu ersetzen, das noch sicherer ist.»

In einer Umfrage der «SonntagsZeitung» haben letzte Woche 80 Prozent der Befragten angegeben, dass sie den Entscheid des Bundesrats grundsätzlich richtig finden, aus der Kernenergie auszusteigen. «Die Zahl von 80 Prozent muss hinterfragt werden», sagt Fraefel. Die Befragung wurde unmittelbar nach dem Bundesratsentscheid durchgeführt. Das hat einen Einfluss auf das Resultat, sagt Fraefel. Zudem wurden für die Studie lediglich 503 Stimmberechtigte befragt. Sie sei somit nicht repräsentativ. «Ich würde für diese Zahl nicht die Hand ins Feuer legen.» Für die Studie von Economiesuisse wurden 1005 Stimmberechtigte in der Schweiz befragt.

Ebenfalls abgefragt hat Economiesuisse die Wahrnehmung einer Stromlücke. 78 Prozent kennen diesen Begriff, den die Atomstromproduzenten Alpiq, Axpo und BKW sowie Economiesuisse und Wirtschaftskreise als Argument gegen einen Atomausstieg anführen.

Economiesuisse dürfte es deshalb freuen, dass die Bevölkerung Versorgungsengpässen zunehmend als realistisch erachtet. So hat in der Mai-Umfrage eine Mehrheit von 53 Prozent angegeben, dass «spürbare Engpässe in der Stromversorgung» in den nächsten zehn Jahren sehr oder eher realistisch seien.

Der Dachverband will eine Debatte über die künftige Energieversorgung der Schweiz führen. Er hat dazu die Website Energiedebatte.ch eingerichtet.

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