Die Chance, jetzt noch kurzfristig eine Lehrstelle zu finden, stehen so gut wie lange nicht mehr. Zurzeit bieten die Schweizer Betriebe noch über 14 000 Lehrstellen an. Das zeigen Auswertungen des «Sonntags» zur Plattform Lena. Der Lehrstellennachweis berücksichtigt alle Zahlen der kantonalen Ämter und aktualisiert das Angebot täglich.

Damit zeichnet sich schon jetzt ein Lehrstellenüberschuss ab, denn viele Schulabgänger haben längst einen Ausbildungsplatz gefunden. Laut Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) wurden vor allem in der Deutschschweiz schon viele Lehrstellen vergeben.

Das bringt die Unternehmen in Zugzwang. Firmen werben heute aktiv um die besten Jugendlichen – sie positionieren sich an Berufs-Expos oder bieten einen Teil der Lehre im Ausland an. Und sie versuchen, so früh wie möglich einen Vertrag abzuschliessen, teilweise ein Jahr im Voraus. Vorbei ist es seit längerem mit dem Gentleman’s Agreement, die Lehrstellen nicht vor dem 1. November zu besetzen. Doch das ist ein Teufelskreis. Je mehr Unternehmen die besten Schüler schon früh mit einem Lehrstellenvertrag locken, desto mehr kommen die anderen in Zugzwang – und bieten ihrerseits die Stelle früher an.

«Das ist ein grosses Problem», sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Damit steige auch der Druck auf jene Schüler, die noch keine Lehre haben, obwohl sie eigentlich noch genügend Zeit hätten. «Sie bekommen Angst und nehmen vielleicht das erstbeste Angebot an.»

Doch nicht nur Firmen machen sich die Besten abspenstig. Unternehmen beklagen, dass viele gute Schüler lieber an die Kantonsschule gehen. Dazu würden auch die Eltern beitragen, sagt Bigler. Dass eine Berufslehre mit anschliessender Fachhochschule bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten könne als ein Uniabschluss, sei noch nicht bis zu den Eltern durchgedrungen.

Besonders hart trifft es die Baubranche. Während die beliebten KV- und Detailhändlerlehren schnell vergeben sind, fehlen dem Bau noch 2500 Lehrlinge. «Unsere Branche bietet immer sehr viele Ausbildungsplätze an», sagt Ueli Büchi vom Schweizerischen Baumeisterverband (SBV). «Mehr als wir rekrutieren können.» Auch der SBV stellt seine Berufe, wie Maurer oder Baupraktiker, in Schulen vor. Doch es wird zunehmend schwierig, die Stellen zu besetzen. «Der SBV nimmt oft auch schwächere Schulabgänger», sagt Büchi. «Viele gehen im Job richtig auf und leisten tolle Arbeit.»

Weil nicht genügend Lehrlinge gefunden werden, kommen Jugendliche aus dem Ausland, um eine Lehre zu beginnen. Das ist vor allem in den Grenzgebieten zu Frankreich und Italien der Fall. Die freien Stellen werden auch von Leuten besetzt, die bereits eine Ausbildung haben und sich neu orientieren wollen. Im Kanton St. Gallen etwa machen sie einen Drittel aus. Sie verdienen allerdings mehr als einen Lehrlingslohn.

Was wie ein Schlaraffenland für Suchende aussieht, hat aber seine Tücken. Obwohl 2011 bis Lehrbeginn im Herbst rund 6500 Plätze unbesetzt blieben, musste mehr als jeder Zehnte Schulabgänger ein Brückenangebot annehmen. Dazu gehören das 10. Schuljahr, Vorlehren oder Vorbereitungsschulen.

Probleme bei der Suche haben Jugendliche, die schulisch hinterher hinken oder sich nicht von ihrem Traumberuf lösen, obwohl sie nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Wie viele Schulabgänger zurzeit noch auf der Suche sind und wie viele Verträge bereits abgeschlossen wurden, veröffentlicht das BBT Ende Juni im alljährlichen Lehrstellenbarometer.

Doch auch für die schwer Vermittelbaren wird es leichter, denn künftig bleiben noch mehr Lehrstellen unbesetzt. Das Bundesamt für Statistik prognostiziert, dass die Zahl der Schulabgänger wegen der demografischen Entwicklung bis 2018 um rund 8 Prozent abnimmt.

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