Keine Schweizer Familie erhält dieses Jahr eine grössere Dividende als die Roche-
Erben Hoffmann und Oeri. Dank ihrer 50,1-Prozent-Aktienbeteiligung am Basler Pharmariesen beziehen die neun dividendenberechtigten Familienmitglieder 544,7 Millionen Franken. Dazu gehören Andreas Oeri, Ehemann der ehemaligen FCB-Präsidentin Gigi Oeri, und der Multi-Verwaltungsrat André Hoffmann.

Auf Platz zwei folgt mit einer Dividende von 246,2 Millionen der Unternehmer Klaus-Michael Kühne, der vom Steuerparadies Schindellegi SZ aus den Logistikkonzern Kühne & Nagel kontrolliert. Mit 197,7 Millionen Franken schafft es die Waadtländer Familie Landolt auf Platz drei. Die milliardenschweren Sandoz-Erben halten über ihre Familienstiftung 3,2 Prozent am Basler Pharmakonzern Novartis.

Zu den Top-Verdienern gehören auch Synthes-Mehrheitsaktionär Hansjörg Wyss, die Erben von Unternehmer Klaus Jacobs und die Familie Blocher/Martullo (siehe Tabelle). Insgesamt erhalten die 26grössten Aktionärs-Clans Dividenden im Umfang von 1,97 Milliarden.

In Tat und Wahrheit sind die Gewinne oft noch viel höher. Denn bei der Zusammenstellung konnten nur jene Aktienpakete berücksichtigt werden, welche die Firmen im Geschäftsbericht offenlegen müssen.

Nicht in die Rangliste geschafft haben es zudem die Hauptaktionäre jener Firmen, die ihren Jahresabschluss erst später bekannt geben. So erhielt Johann Rupert, Mehrheitsaktionär des Luxusgüterunternehmens Richemont, im vergangenen Jahr eine Dividende von 236 Millionen Franken. Dank des guten Geschäftsgangs kann er dieses Jahr mit einer mindestens gleich hohen Dividende rechnen, was ihn auf Platz drei katapultieren wird.

Ein besonders warmer Geldregen geht über jene Grossaktionäre nieder, deren Unternehmen steuerfreie Dividenden auszahlen. Am stärksten profitiert davon Hansjörg Wyss, der Hauptaktionär des Solothurner Medizinaltechnikkonzerns Synthes. Er bezahlt auf seiner Dividende von 129,6 Millionen Franken keinen Rappen Steuern. Sein Unternehmen nutzt eine seit Januar 2011 geltende Bestimmung, wonach aus Kapitalreserven bezahlte Dividenden weder mit der Verrechnungs- noch mit der Einkommenssteuer belastet werden. Das gilt auch für den in Pennsylvania lebenden Wyss, denn die USA kennen eine ähnliche Regelung.

Platz zwei unter den grössten Profiteuren dieser Unternehmenssteuerreform belegt die Jacobs-Familie. Sie erhält 117,5 Millionen steuerfrei, aus ihren Beteiligungen am weltweit grössten Personaldienstleister Adecco und am weltgrössten Schokoladenhersteller Barry Callebaut. Beide schütten steuerfreie Dividenden aus Kapitalreserven aus.

Finanzpolitiker sind entsetzt, dass dem Staat Hunderte Millionen Franken Steuergelder entgehen. Allein bei den 14Aktionärsfamilien, die nach Berechnungen des «Sonntags» am meisten von der Unternehmenssteuerreform profitieren, sind es 529,2 Millionen Franken.

Der Solothurner CVP-Ständerat Pirmin Bischof und die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz fordern nun in zwei Motionen, die vom Volk vor vier Jahren abgesegnete Reform teilweise rückgängig zu machen. Sie wollen so die Ertragsausfälle verringern. Bischof schätzt diese auf mindestens 40 Milliarden Franken. Er stützt sich auf die Angaben der Eidgenössischen Steuerverwaltung, die kürzlich bekannt gab, die Firmen hätten bei ihr über 700 Milliarden Franken Kapitalreserven angemeldet, die sie steuerfrei an die Aktionäre auszahlen können.

Im Dezember lehnte es der Nationalrat noch ab, die steuerfreie Ausschüttung von Dividenden einzuschränken. Dies, obwohl der Bundesrat zwei entsprechende Motionen zur Annahme empfahl – und obwohl das Bundesgericht einen Tag zuvor urteilte, die Regierung habe die Bevölkerung grob irregeführt. Im Abstimmungsbüchlein hatte der Bundesrat nur von Steuerausfällen in Höhe von 83 Millionen Franken beim Bund und von 850 Millionen Franken bei den Kantonen gesprochen.

Nun zeigt sich, dass dies masslos untertrieben war. Im Ständerat haben die Motionen von Bischof und Fetz deshalb gute Chancen. CVP, SP, Grüne und Grünliberale haben hier eine komfortable Mehrheit. Zudem erhält Bischofs Vorstoss Unterstützung von ungewohnter Seite: Zu den Mitunterzeichnern gehört der Glarner SVP-Ständerat This Jenny. Er sagt: «Wenn es Leute gibt, die Millionen steuerfrei aus den Unternehmen nehmen können, ist das nicht im Sinn des Erfinders. Offensichtlich bedienen sich gewisse Aktionäre schamlos. Das kann auch nicht im Sinn der SVP und der FDP sein.»

Der Bundesrat ist offenbar bereit, die Steuerbefreiung teilweise rückgängig zu machen. Laut drei gut unterrichteten Quellen im Bundeshaus liegt eine entsprechende Vorlage bereits in der Schublade von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf. Sie wartet nun nur noch auf die Unterstützung aus dem Parlament, welche im Dezember ausgeblieben war.

Widmer-Schlumpfs Sprecherin Nadia Batzig sagt: «Dass der Bundesrat die Motion zur Annahme empfahl, zeigt, in welche Richtung er gehen will.»

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