VON SANDRO BROTZ UND CLAUDIA MARINKA

Niemand will sie wie am Zürcher Sihlquai vor der eigenen Haustüre, trotzdem haben 70 Prozent aller Männer mindestens einmal in ihrem Leben Sex mit einer Prostituierten. Wie gross die Nachfrage ist, zeigt allein das enorme Angebot an Liebesdienerinnen in der Schweiz. Offizielle Erhebungen lagen bisher nicht vor. Eine Umfrage vom «Sonntag» in allen städtischen und kantonalen Polizeikorps belegt: 10 604 Frauen verkaufen ihren Körper. Sie stammen mehrheitlich aus Osteuropa (Ungarn, Rumänien, Bulgarien), Asien (Thailand), Afrika (Nigeria und Westafrika) und Lateinamerika (Brasilien und Dominikanische Republik). Viele haben einen Schweizer Pass. An der Spitze der Sex-Statistik stehen:

1. Genf 2'705 Prostituierte
2. Zürich 1'995 Prostituierte
3. Basel 1'850 Prostituierte

Das sind die offiziellen Zahlen. Bisher nicht bekannte Schätzungen von Beratungsstellen, die «Sonntag» vorliegen, gehen allein in Zürich von 3700 Prostituierten aus (Bern: 1800–3000, Luzern: 400). Eine bemerkenswerte Zahl liegt zudem von TAMPEP vor, einem internationalen Forschungs- und Aktionsprojekt, das auch von der EU-Kommission subventioniert wird. TAMPEP besteht aus einem Netzwerk von 26 Organisationen in 25 Ländern und schätzt: 25 000 Frauen bieten in der Schweiz ihre Dienste an. Die Hälfte von ihnen dürfte illegal im Land sein. Das Bundesamt für Polizei (fedpol) ging 2007 von mindestens 6300 illegalen Prostituierten aus.

Das Geschäft mit der käuflichen Liebe ist ein lukratives Business. «In der Schweiz wurden im Prostitutions- und Massagegewerbe ungefähr 1,5 Milliarden Franken an Umsätzen schwarz erwirtschaftet», sagt Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider zum «Sonntag». Die Zunahme wirkt sich auch auf die Arbeit der Beratungsstellen aus. Bei der Zürcher Fraueninformationszentrale FIZ gab es vor 10 Jahren noch 25 Beratungen. 2009 waren es bereits 180. Von den beim fedpol geschätzten 3000 Fällen von Menschenhandel werden höchstens ein Prozent zur Anzeige gebracht. Doro Winkler vom FIZ hofft: «Es wird künftig zu mehr Verurteilungen kommen, weil bei den betroffenen Frauen die Bereitschaft gestiegen ist, auszusagen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!