6599 Menschen sitzen zurzeit in Schweizer Gefängnissen – so viele wie seit 1999 nicht mehr. Die Auslastung beträgt 94,6 Prozent. Der oberste Gefängnisdirektor, Thomas Freytag, ist alarmiert. Der Präsident des Haftanstalten-Vereins «Freiheitsentzug Schweiz FES» und Freiburger Gefängnisdirektor sagt: «In der Westschweiz sind die Gefängnisse bis zu 150 Prozent belegt. Deshalb mussten wir Aufenthaltsräume zu Zellen umfunktionieren und zum Teil fünf Insassen in einer Zelle unterbringen.»

Besonders prekär ist die Situation in den Untersuchungsgefängnissen. Die Zahl der Insassen ist dort innerhalb eines Jahres um 20 Prozent auf 2051 Gefangene gestiegen.

Dass die Zahl der Häftlinge in den nächsten Jahren wieder sinkt, glaubt Freytag nicht. Für ihn ist klar: Es braucht mehr Zellen. «Schweizweit sind bereits heute 1000 neue Haftplätze in Planung.» 600 davon sollen alleine in der Westschweiz entstehen. Teilweise werden neue Gefängnisse gebaut, teilweise bereits bestehende ausgebaut.

Am meisten Zellen entstehen in den Kantonen Zürich, Genf und Waadt. Ob die geplanten Haftplätze künftig ausreichen, kann heute nicht abschliessend vorausgesagt werden. «Es genügt ein einzelnes Ereignis, wie beispielsweise eine politische oder wirtschaftliche Umwälzung in einem Land oder eine bedeutende Gesetzesrevision in der Schweiz, und die Planung muss neu evaluiert werden», sagt Freytag. Die drei Schweizer Strafvollzugskonkordate arbeiten derzeit einen Bericht zum Platzbedarf in Gefängnissen aus.

Mehr Gefängnisplätze bedeutet auch mehr Wärter. «Für 1000 neue Vollzugsplätze braucht es sicherlich 500 bis 600 zusätzliche Stellen», sagt Karl-Heinz Vogt, Vizedirektor des Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal.

In den Gefängnissen sind derzeit 73,8 Prozent der Häftlinge Ausländer – 2011 waren es noch 71,4 Prozent. Der hohe Ausländeranteil und die engen Platzverhältnisse führen in den Haftanstalten vermehrt zu Spannungen. «Wir können die Inhaftierten nur noch minimal betreuen. Auf die Probleme und Sorgen der Gefangenen einzugehen, liegt praktisch nicht mehr drin», sagt Gefängnisdirektor Freytag.

Die Folgen: «Vor allem einzelne Gefangene aus Nordafrika tendieren zu destruktivem oder aggressivem Verhalten.» Dabei gehe auch mal ein Lavabo in Brüche, mehrheitlich würden sie ihre Wut über die eigene Perspektivlosigkeit aber gegen sich selber richten. «Sie ritzen sich die Arme und Beine auf, verschlucken Batterien oder nehmen in gesundheitsgefährdender Menge Medikamente ein, um so ihr Leiden auszudrücken. Das hält das Personal auf Trab und ist belastend.»

Gegenüber dem Vorjahr sind die Gesundheitskosten in den Gefängnissen um rund 20 Prozent gestiegen. «Die psychische Instabilität von Insassen nimmt immer mehr zu. Heute behandeln wir rund einen Drittel der Gefangenen mit ärztlich verordneten Psychopharmaka», sagt der Gefängnisdirektor.

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