Das Thema Einbürgerungen beschäftigt die Anlaufstelle Integration Aargau nicht erst, seit der Fall der jungen Buchserin Funda Yilmaz Schlagzeilen macht. Leiterin Lelia Hunziker sagt: «Zu uns kommen regelmässig Leute, die mitten im Verfahren stehen und merken: Vielleicht schaffe ich das nicht.» Das grösste Problem seien dabei nicht fehlende Kenntnisse in Deutsch, Staatskunde oder Kantonsgeschichte, sondern: Nervosität.

In der Schweiz wachse man mit der Haltung auf, dass Behörden zwar streng seien, man ihnen aber einigermassen vertrauen könne. Die meisten ausländischen Staatsbürger hätten komplett andere Erfahrungen gemacht. Für sie seien Amtsträger und Verwaltungsangestellte nicht dem Wohl des Bürgers verpflichtet: «Ein lockerer, vertrauensvoller Umgang mit dem Staat ist ihnen fremd.»

Wenn es zum Einbürgerungsgespräch komme, in dem man bis zu neun Personen gegenüber sitze und bis zu 100 Fragen mündlich beantworten müsse, hätten die Kandidaten oft das Gefühl, sie sässen in einem Verhör, das künftig jederzeit gegen sie verwendet werden könnte.

Sie könne zwar verunsicherten Einbürgerungswilligen Mut machen, ihnen erzählen, wie Gespräche erfahrungsgemäss stattfinden können. Es sei aber «eine Lotterie»: Die Gespräche würden von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich geführt.

Vom Gnaden- zum Verwaltungsakt

Lelia Hunziker sagt es deutlich: «Das Einbürgerungsgespräch in seiner heutigen Form sollte man abschaffen. Die Gemeinden sind nicht der richtige Ort, um die Integration zu prüfen – falls es überhaupt möglich ist, die Integration zu prüfen.» Heute sei Einbürgerung ein Gnadenakt – «doch sie müsste ein Verwaltungsakt sein». Nur so könne man von der Gefahr der Willkür wegkommen.

Funda Yilmaz sei kein Einzelfall. Man tue den Buchser Behörden unrecht, wenn man sie so stark kritisiere. «Buchs ist überall. Solche Gespräche finden landauf, landab statt.» Auf der Anlaufstelle habe man bislang rund zehn ähnliche Fälle betreut. Sie kämen nach der Ablehnung ihres Gesuchs, fragten, was sie besser machen könnten.

Hunziker rät nicht prinzipiell dazu, beim Kanton Beschwerde einzugeben. «Wir zeigen die Optionen auf und schauen individuell, was am meisten Sinn macht. Es ist immer die Entscheidung der betroffenen Person, ob sie rekurrieren will oder nicht.»

Als das Aargauer Departement Volkswirtschaft und Inneres vor einigen Jahren ein Handbuch zu Einbürgerungsgesprächen erarbeitete, war die Anlaufstelle Integration Aargau als Beraterin involviert. Die Idee sei gewesen, «das Ganze zu versachlichen, um Fragen mit Werthaltungen zu vermeiden». Die Erfahrung zeige aber, dass man das nie ganz vermeiden können werde.

Nicht mehr zeitgemäss?

Lelia Hunziker ist als Delegierte im Kongress der Kommunen und Regionen des Europarats regelmässig als Wahlbeobachterin unterwegs. Kürzlich leitete sie eine Delegation in Finnland. Der internationale Austausch hat bei ihr zur Erkenntnis geführt, dass das lokal verankerte Einbürgerungsverfahren nicht mehr zeitgemäss sei.

«Solche Gespräche machen in einer mobilen Gesellschaft kaum mehr Sinn.» Sie gibt ein Beispiel: Wer konsultiere beispielsweise noch den «Buchser Boten», um sich über die Altpapiersammlung zu informieren? «Wer einen Computer bedienen kann, googelt.» Wenn man eine Frage dazu im Gespräch nicht beantworten könne, bedeute das nicht, dass man nicht im Ort verwurzelt sei.

Vor 100 Jahren: Verkehrte Welt

Heute wird eingebürgert, wer die Bedingungen erfüllt und integriert ist. Um 1900 war es andersherum: In der Schweiz wurden Fremde eingebürgert, damit sie sich möglichst schnell integrierten.

Der Bundesrat schrieb 1899: «Die bedenkliche Erscheinung, dass (...) in der Schweiz rund eine Viertelmillion Ausländer dauernd sich aufhalten und dass, zumal in den Grenzstädten, die ausländische Bevölkerung die einheimische nachgerade zu überflügeln drohe, lasse auf Mittel und Wege zur Abhülfe denken. (...) Das einzige zulässige und zweckmässige Mittel zur Abhülfe sei wohl das, durch Erleichterung der Bürgerrechtsaufnahme die sich dazu überhaupt eignenden Elemente der schweizerischen Nation zu assimilieren. (...).» (rio)

Wichtig sei, dass eine Person wirtschaftlich unabhängig sei, genug lange in der Gemeinde lebe, vernetzt sei und die Sprache intus habe. Stattdessen fusse das Schweizer Bürgerrecht noch immer auf der Annahme, dass es einen «Urschweizer» gebe und man so viel wissen müsse wie dieser, um ebenbürtiger «Neuschweizer» zu werden.

Das Beispiel Finnland zeige, dass es auch anders gehe: «EU/Efta-Bürger müssen 51 Tage im Land leben, bis sie abstimmen dürfen. Bei Bürgern aus Drittstaaten sind es zwei Jahre.»Das Thema Einbürgerungen dürfte die Anlaufstelle Integration und den Kanton Aargau noch länger beschäftigen.