Auf der Pflegeheimliste sind alle Institution aufgeführt, die Pflegeleistungen zulasten der Krankenkassen erbringen dürfen. Im Aargau stehen 109 Alters- und Pflegeheime auf dieser Liste. Insgesamt verfügt der Kanton über 6555 Pflegebetten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es ideal, wenn in jedem Bett eine pflegebedürftige Person liegen würde.

Um aber die Wartezeit auf einen Heimplatz möglichst gering zu halten, geht das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) von einer optimalen Auslastung im Bereich zwischen 97 und 98 Prozent aus. «Daraus würde ein Leerstand zwischen 130 und knapp 200 Pflegeheimplätzen resultieren», sagt DGS-Mediensprecherin Anja Kopetz.

Tatsächlich sind im Moment aber etwa doppelt so viele Betten leer. Eine Umfrage des Vereins «Aargauische Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (VAKA)» hat per 30. September 2016 einen Leerstand von rund 350 Pflegeplätzen ausgewiesen. Das entspricht einem durchschnittlichen Auslastungsgrad von 94 Prozent. Im Vorjahr waren die Pflegebetten mit 94,7 Prozent noch etwas besser ausgelastet.

Alleine im Doppelzimmer

Aber längst nicht alle Regionen kommen auf eine 94-prozentige Auslastung. Im oberen Freiamt, im Zurzibiet und im Suhrental liegen die Werte unter 90 Prozent. Den tiefsten Wert, einen Auslastungsgrad von 87,2 Prozent, weist der Regionalplanungsverband Suhrental aus. Das Alterszentrum Schöftland ist seit 21 Jahren auf der Liste des Kantons und mit 125 Pflegebetten das grösste im Suhrental. Hat es hier auch die meisten leeren Betten? Zentrumsleiter Thomas Steidle relativiert den tiefen Auslastungsgrad im Suhrental: «Wir sind, was die Zimmer betrifft, sehr gut ausgelastet.»

Thomas Steidle, Leiter des Alterszentrums Schöftland

Thomas Steidle, Leiter des Alterszentrums Schöftland

Trotzdem dürfte das Alterszentrum Schöftland mitverantwortlich sein für den tiefen Wert. Es verfügt nämlich über mehrere Zweibettzimmer, in denen nur eine Person lebt. «Die Doppelzimmer waren ursprünglich als Ehepaarzimmer gedacht», sagt Steidle. Aber die Nachfrage nach Zweibettzimmern sei weniger hoch als früher. «Teilweise bevorzugen sogar Ehepaare getrennte Zimmer», sagt Steidle. Und zwei fremde Personen bringe man heutzutage nicht mehr in einem gemeinsamen Zimmer unter. Das zweite Bett wird als leeres Bett in der Statistik erfasst, obwohl die leeren Betten in den Zweibettzimmern laut Steidle keine grosse Auswirkung auf die Betriebskosten haben: «Die Lage ist für uns nicht prekär deswegen», sagt er. «Wir haben sogar eine Warteliste.»

Der Kanton hat falsch geplant

Im Allgemeinen seien leere Betten beziehungsweise leere Zimmer aber – vor allem über einen längeren Zeitraum – ein grosses Problem, weil das Personal trotzdem vorhanden sei und koste. Die Barmelweid bei Erlinsbach hat sich deswegen entschieden, ihre beiden Pflegestationen zu schliessen. Sie konnten nicht mehr kostendeckend betrieben werden (siehe Text rechts).

Heute sei es schwieriger, zu planen, sagt Steidle. «Die Aufenthaltsdauer im Pflegeheim ist kürzer geworden, entsprechend älter sind die Leute bei Eintritt.» Im Alterszentrum Schöftland sei der durchschnittliche Bewohner knapp 90 Jahre alt. Diesen Wandel, dass die älteren Menschen heute länger zu Hause bleiben, hat der Kanton bei der Planung der Pflegebetten falsch eingeschätzt. Letztes Jahr korrigierte der Regierungsrat den Pflegeheim-Richtwert nach unten. Heute geht man davon aus, dass knapp 20 Prozent der über 80-Jährigen einen stationären Pflegeplatz brauchen. Dieser Richtwert sollte ursprünglich erst ab dem Jahr 2025 gelten.

Leere Betten nach Eröffnung

Die Unterschiede bei der Auslastung der Pflegezentren lassen sich gemäss DGS auch auf neu eröffnete Alterszentren zurückführen. Seit 2014 sind im Kanton Aargau fünf neue Pflegeheime auf die Liste aufgenommen worden. Eines ist das Alterszentrum Senevita Lindenbaum in Spreitenbach. Es wies im Jahr 2015 mit 49,3 Prozent den tiefsten Belegungsgrad in der Langzeitpflege auf. «Im Moment sind 99 der 140 Betten besetzt – knapp 71 Prozent also», sagt Senevita-Mediensprecherin Daniela Flückiger. Die Zahl sei jedoch eine Momentaufnahme und schwanke leicht, unter anderem wegen Kurzzeitaufenthaltern.

André Rotzetter, CVP-Grossrat und Geschäftsführer des Vereins Für Altersbetreuung im oberen Fricktal

André Rotzetter, CVP-Grossrat und Geschäftsführer des Vereins Für Altersbetreuung im oberen Fricktal

Kreativität ist gefragt

Die Situation im Aargau ist aber gemäss Flückiger schon herausfordernd: «Das Angebot an Pflegeplätzen in manchen Regionen im Kanton ist sehr hoch. Die Leute rund um Spreitenbach zum Beispiel können sich ihren Platz aussuchen. Da hat man es als neues Alterszentrum immer schwerer, etwa weil es noch nicht so viel Mund-zu-Mund-Propaganda gibt.»

Das Lindenbaum versucht deshalb, sich über Alleinstellungsmerkmale in der Region zu etablieren: «Wir haben etwa eine mediterrane Abteilung für Betagte aus Italien, Spanien oder Portugal. Das Pflegepersonal spricht deren Muttersprachen und kennt die kulturellen Gepflogenheiten der Bewohnerinnen und Bewohner.»

Tiefe Pflegestufe, gut ausgelastet

Es gibt aber auch Alterszentren im Aargau, in denen es kaum leere Betten hat. Eines ist das Bifang Wohn- und Pflegezentrum in Wohlen. Die 114 Betten waren gemäss Bundesamt für Gesundheit im Jahr 2015 durchschnittlich zu 97 Prozent ausgelastet. «Wir haben tatsächlich eine hohe Nachfrage von Bewohnern, die zu uns kommen möchten», sagt die stellvertretende Geschäftsleiterin Anita Amsler.

Wird ein Bett frei, weil ein Bewohner austritt, dann sei es meistens schon nach wenigen Tagen wieder belegt. Man kenne das Bifang in der Region. «Viele neue Bewohner wissen, dass sie bei uns jemanden kennen, das macht ihnen den Eintritt ins Alterszentrum einfacher.» Das Bifang fällt aber nicht nur wegen des hohen Auslastungsgrades auf. Es hatte im Jahr 2015 mit einem Wert von 3,1 auch die zweittiefste durchschnittliche Pflegestufe im Kanton. 3,1 heisst, der durchschnittliche Bewohner ist pro Tag auf etwa 40 bis 60 Minuten Betreuung angewiesen. Im Aargau liegt der Durchschnitt bei Pflegestufe 5, was einer Betreuung von 81 bis 100 Minuten pro Tag entspricht.

Sind im Bifang also Menschen, die gar nicht unbedingt ins Altersheim müssten? «Wir bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern ein zu Hause, egal wie viel Pflege und Betreuung sie brauchen oder welche psychosozialen Aspekte einen Eintritt dringlich machen», sagt Amsler.

Pflegeheim als teure Alternative

André Rotzetter, CVP-Grossrat und Geschäftsführer des Vereins für Alterbetreuung im oberen Fricktal, kennt das Phänomen. Zwar würden die älteren Menschen heute später ins Altersheim umziehen, «aber es gibt solche, die in ein Pflegeheim gehen, weil sie sich zu Hause nicht mehr um den Garten kümmern können oder das Holz für die Heizung nicht mehr schleppen können», sagt er. Eigentlich würden diese Menschen in eine Institution mit betreutem Wohnen gehören. «Aber weil für die Ergänzungsleistungen das betreute Wohnen nicht existiert und somit auch nicht finanziert wird, gehen sie in ein Pflegezentrum, ohne dass sie tatsächlich Pflegefälle sind», sagt Rotzetter. Das ergebe keinen Sinn, denn das Pflegeheim sei die kostenintensivere Lösung.

Postulat ist noch hängig

Rotzetter verlangte deswegen bereits im Jahr 2014 in einem Vorstoss, dass die Ergänzungsleistungen an diese neuen Lebensformen angepasst werden müssten. Der Regierungsrat lehnte die Motion ab, war jedoch bereit, diese als Postulat entgegenzunehmen. Der Grosse Rat überwies das Postulat mit 125 zu 0 Stimmen. Die Antwort ist noch ausstehend.