Nancy Holten, nun ist klar: Sie bekommen den Schweizer Pass. Wie fühlt sich das an?

Nancy Holten: Ich bin mega-happy. Der berührendste Moment für mich war, als ich es gestern Abend meinen beiden Zwillingstöchtern erzählte. Eine meine Töchter sagte: «Mama, ich bin so stolz auf dich. Du hast dich nicht kleinkriegen lassen und bist drangeblieben.» Mir kamen fast die Tränen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Ihnen der Mitarbeiter des Kantons sagte: «Sie bekommen den Pass»?

Mir entfuhr ein lautes «Yes». Und ich dachte: Das nächste Mal, wenn wir in die Ferien fliegen, stehen wir zum ersten Mal in der gleichen Kolonne am Flughafen an. Bislang war ich bei den EU-Staaten, die Kinder bei den Nicht-EU-Staaten. Endlich sind wir eine Familie.

Was werden Sie als Erstes mit dem Pass tun?

Ihn anschauen und ihn geniessen. (Lacht.) Und ihn bei den nächsten Ferien ja nicht vergessen.

Ein Wermutstropfen bleibt: Die Gipf-Oberfricker wollten Sie zweimal nicht einbürgern und lehnten Ihr Einbürgerungsgesuch wuchtig ab. Stört Sie das?

Sicher, auch wenn jetzt die Freude klar überwiegt. Ich bin mir durchaus bewusst, dass sich viele Gipf-Oberfricker, wenn sie mich nun auf der Strasse sehen, über den Entscheid ärgern. Das tut mir irgendwie auch leid, aber ich lasse mir die Freude nicht nehmen. (Lacht.) Es ist schon etwas paradox. Ich muss den Gipf-Oberfrickern, die sich an mir stören, sogar dankbar sein. Denn sie haben mich bekannt gemacht – und das nütze ich jetzt.

«Unsere Wohnung ist für uns drei Frauen definitiv zu klein.»

Wie werden Sie durchs Dorf laufen?

Stolz.

Das zweimalige, klare Nein der Bevölkerung zeigt, dass Sie im Dorf bei vielen nicht willkommen sind. Wie lebt’s sich damit?

Es ist schwierig. Ich habe mir einige Male überlegt, ob ich das Dorf verlassen soll. Meine Kinder fühlen sich aber sehr wohl und haben hier auch ihr soziales Umfeld. Sie sind glücklich und ich nehme Rücksicht auf sie. Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätte ich in einer anderen Gemeinde im Fricktal eine Wohnung gesucht.

Dann bleiben Sie in Gipf-Oberfrick?

Jein. Ich bin aktuell auf der Suche nach einer Wohnung, denn die Kinder sind inzwischen gross, und die Wohnung ist für uns vier Frauen definitiv zu klein. Sobald ich eine grössere Wohnung finde, ziehe ich um. Das kann in Gipf-Oberfrick sein, das kann aber auch in Frick sein. (Schmunzelt.) Ich liebäugle schon etwas mit Frick.

Ich höre den Jubelschrei einiger Gipf-Oberfricker, wenn sie dies lesen.

Sie dürfen gerne jubeln. Wenn ich ihnen damit wenigstens eine Freude machen kann, soll es mir recht sein.

Nancy Holten: Warum wurde ich Vegetarier? (27. Dezember 2017)

Nancy Holten ist schweizweit und im Ausland bekannt durch ihre Tierschutzaktivitäten bei denen sie vor allem mehr Empathievermögen für die Tiere erreichen möchte.

Spüren Sie Animositäten im Alltag?

Immer wieder. Im Volg schauen mich manche Frauen mit bösem, vielleicht auch abschätzigem Blick an – und achten genau darauf, was ich einkaufe. Auch im Café in Frick wird genau beobachtet, was ich mache.

Stört Sie das? Man hat immer das Gefühl, das prallt alles an Ihnen ab.

Nein, das tut es nicht. Aber ich lasse mich nicht runterziehen. Ich bin ein positives Wesen und will einfach happy sein. Als ich kürzlich mit meinen Töchtern auf Mallorca in den Ferien war, genoss ich es sehr, für einmal nicht beobachtet und erkannt zu werden.

In Gesprächen mit Einwohnern hört man immer wieder: Sie soll endlich Ruhe geben. Was antworten Sie?

Sie sollen sich nicht um mich kümmern und ihr eigenes Leben anschauen. Wenn es sie so fest stört, dass ich in den Medien komme, gibt es ein einfaches Mittel: nicht lesen. Es ist doch ein Widerspruch: Sie regen sich über mich auf – und lesen trotzdem jede Zeile.

«Der Regierungsrat macht nichts anders, als diese Gesetze zu vollziehen.»

Nicht alle finden es richtig, dass der Regierungsrat Sie gegen den Willen der Einwohner eingebürgert hat. Hätten Sie Verständnis dafür gehabt, wenn er die «heisse Kartoffel» an die Gemeinde zurückgegeben hätte?

Absolut nicht. Dann hätte der Regierungsrat seine Verantwortung nicht wahrgenommen. Der Regierungsrat hat nur das Gesetz befolgt, denn es gibt keinen einzigen sachlichen Grund, der gegen meine Einbürgerung sprach.

Er ignoriert aber den Volkswillen.

Wieso? Das Einbürgerungsgesetz und die Einbürgerungsregelungen sind ja auch demokratisch legitimiert. Man kann auch sagen: Sie sind Volkswillen. Der Regierungsrat macht nichts anders, als diese Gesetze zu vollziehen.

Braucht es aus Ihrer Sicht eine andere Einbürgerungspraxis?

Unbedingt. Die Einbürgerungen müssen an den Gemeinderat delegiert werden. Frick macht das bereits und ich erwarte, dass dies für alle Gemeinden verpflichtend wird. Denn der Gemeinderat ist neutral und entscheidet nicht emotional. (Lacht.) Und es gibt keine weiteren Nancy-Holten-Fälle.

Sie sagten einmal: «Ich habe den Schweizer Pass verdient.» Weshalb?

Ich halte mich an die Gesetze, bin ehrlich und habe drei wundervolle Kinder grossgezogen. Ich bin komplett integriert und habe mich schon mehrfach sozial engagiert, etwa bei Tischlein deck dich oder im Elternverein. Und mir liegt das Land am Herzen.

Welchen Rat geben Sie Menschen, die sich einbürgern lassen wollen, mit auf den Weg?

Dranzubleiben. Wenn sie sich nichts vorzuwerfen haben, klappt es auch. Es braucht zwar einen langen Atem, aber mein Beispiel zeigt: Die Gerechtigkeit siegt am Schluss.

Was war der schwerste Moment im ganzen Einbürgerungsprozess?

Die beiden Gemeindeversammlungen, vor allem die zweite. Denn an die ging ich mit den aufwühlenden Erfahrungen vom ersten Mal. Das war heavy, das wünsche ich niemandem.

Mit dem Kampf gegen Kuhglocken wurde Nancy Holten auch ausserhalb des Kantons Aargau bekannt (29.12.2014)

Nach dem frühmorgendlichen Kirchengeläut will Nancy Holten nun Kuhglocken abschaffen. Sie hält diese für Tierquälerei.