Webcams auf Berggipfeln, Webcams vor Tunnelportalen und nun auch noch Webcams in Kinderkrippen. Seit rund einem Jahr gibt es in den beiden Badener Kinderkrippen «Hoi Börzel» und «Hoi Gömper» je eine Internet-Kamera. «Ich habe immer das Ziel, mit den Krippen innovative Wege zu gehen», sagt Geschäftsleiterin Barbara Bochsler. So habe sie zusammen mit der Fachhochschule in Windisch ein Projekt erarbeitet, das nebst einer Website auch die Installation einer Webcam beinhaltete. Nur Eltern, die das Angebot nutzen wollen, erhalten ein Passwort für die Webcam.

Diese Ecke wird in der Krippe «Hoi Börzel» gefilmt.

Diese Ecke wird in der Krippe «Hoi Börzel» gefilmt.

Doch was Bochsler als Innovation bezeichnet, kommt nicht bei allen Eltern und Mitarbeitern gut an, wie die «Schweiz am Wochenende» erfahren hat. So sind Fragen nach der Privatsphäre und dem Datenschutz aufgetaucht. Bochsler erklärt, dass das Webcam-Angebot als Dienstleistung für die Eltern gedacht sei. «Gefilmt wird nur ein Bereich, in dem sich Kleinkinder im Alter bis zwei Jahre aufhalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern am Anfang noch Trennungsschmerz haben und deshalb das Angebot der Webcam gerne nutzen.»

Bis auf einen Fall habe sie denn auch nur positives Echo erhalten. «Die Eltern werden beim Eintritt ihrer Kinder informiert und um die schriftliche Einwilligung gebeten, dass sie einverstanden sind, wenn ihre Kinder gefilmt werden». Und falls nicht? «Dann sorgen wir dafür, dass die Kinder nicht im gefilmten Bereich spielen», so Bochsler.

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Auf die Frage, ob gegen die Webcam je Beanstandungen eingegangen seien, sagt Barbara Käser, Leiterin der Fachstelle Familie bei der Stadt Baden: «Zu Reklamationen über Betreuungsinstitutionen geben wir generell keine Auskünfte.» Und: Bis jetzt habe sich der Krippenpool – bei diesem sind auch Bochslers Krippen angeschlossen – nicht mit dieser Frage befasst.

Wird das Arbeitsgesetz verletzt?

Wo gefilmt wird, stellen sich immer auch Fragen des Datenschutzes. «Auch wenn Eltern ihre Einwilligung zu einer Live-Videoüberwachung ihrer Kinder geben, der sie auch widersprechen können, scheint uns die Massnahme aus Datenschutzsicht problematisch», sagt Silvia Böhlen, Mitarbeiterin beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB). Denn auch ein Kind habe ein Recht auf Privatsphäre, die durch das Filmen tangiert werde. «Auch wenn gute Absicht hinter der Webcam steckt, würden wir Pädagogen aus oben erwähnten Überlegungen von einer Live-Videoüberwachung von Kindern in ihrer Obhut auf jeden Fall abraten», hält Silvia Böhlen fest.

Auf die Frage, ob sich die Krippen-Mitarbeiterinnen gefallen lassen müssen, während der Arbeit gefilmt zu werden, antwortet Böhlen: «Die Betreuungspersonen dürfen von der Webcam grundsätzlich nicht überwacht werden.» Nicht zuletzt könne durch die Kamera das Verhältnis zu den Kindern beeinträchtigt und das Vertrauensverhältnis zu den Eltern belastet werden.

Auch Thomas Geiser, Professor für Privat- und Handelsrecht an der Universität St. Gallen, hält fest: «Das Filmen während der Arbeit kann in der Tat ein Problem darstellen.» Eine dauernde Überwachung sei nur in absoluten Ausnahmefällen zulässig, zum Beispiel in der Schalterhalle einer Bank. «Aber auch in diesen Fällen müssen die Mitarbeitenden die Möglichkeit haben, sich in eine Ecke zurückzuziehen, die nicht gefilmt wird.» Entscheidend sei auch, mit welcher Begründung gefilmt werde. «Ob alleine der Wunsch der Eltern, ihre Kinder zu sehen, für eine Legitimation ausreicht, würde ich grundsätzlich infrage stellen», sagt Thomas Geiser.

Kinderfotos auf Krippen-Blog

Barbara Bochsler betont derweil, dass nur eine ganz kleine Ecke gefilmt werde, die nur von den Kindern aufgesucht werde und auch das nur selten. «Insofern ist es für Eltern auch Glückssache, ob sie ihre Kinder überhaupt sehen, wenn sie sich einloggen.»

Barbara Bochsler, Geschäftsleiterin Kinderkrippen «Hoi Börzel» und «Hoi Gömper».

Barbara Bochsler, Geschäftsleiterin Kinderkrippen «Hoi Börzel» und «Hoi Gömper».

Auch höre man keinen Ton und die Aufnahmen würden nirgends aufgezeichnet. Und auch die Mitarbeitenden würden sich in der Regel nicht im gefilmten Bereich aufhalten, ausser sie spielten mal mit einem Kind in der Kinderküche. «Aber sie wissen ja, dass dieser Bereich aufgenommen wird – und sie haben unterschrieben, dass sie einverstanden sind. Es ist also ihre Entscheidung», so Bochsler.

Die Webcam ist übrigens nicht die einzige «Innovation», die Bochsler eingeführt hat. So sind auf den Krippen-Blogs Fotos von Kindern beim Spielen, Basteln oder Herumtollen zu sehen. «Wir fotografieren auch hier nur Kinder, wenn die Eltern die Einwilligung dazu gegeben haben. Und die Fotos werden immer nur mit Initialen versehen. Die Fotos schaffen Transparenz und nicht zuletzt dokumentieren sie, was für tolle Aktivitäten die Kinder in unserer Krippe unternehmen.»