Es ist ein Paukenschlag: Die Aarauer Grünen steigen tatsächlich mit Hanspeter Thür (67) ins Stadtrats-Rennen. In dessen Lebenslauf soll sich nach «Grossrat», «Nationalrat», «Präsident Grüne Partei Schweiz» und «Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter» noch «Stadtrat» einreihen. Oder gleich «Vizestadtpräsident», denn auch dafür portiert ihn der Grünen-Vorstand (Nomination durch Mitgliederversammlung im Mai).

Die az hat Thür gestern in der Altstadt getroffen. Er kommt auf einem roten Velo direkt vom Termin mit Tele M1. «Du machsch es also!», ruft ihm eine Bekannte in der Metzgergasse zu. «Sehr gut!», gratuliert ihm ein Herr ein paar Hundert Meter weiter. Thür lächelt, schüttelt Hände, posiert für den Fotografen.

«Dieses Im-Mittelpunkt-Stehen müsste ich eigentlich nicht mehr unbedingt haben , sagt er.Seit seiner Pensionierung im 2015 war Thür noch gut 30 Prozent als Anwalt im eigenen Büro tätig, etwa gleich viel Zeit investierte er in die Projektkoordination «Alte Reithalle». «Das hat gut gepasst für mich, es hätte so weitergehen können.»

«Ich habe die Lust und Energie»

Und trotzdem kandidiert der Grüne. Mit 67. Kein Problem, findet Thür: «Ich musste mit einzig die Frage stellen, ob ich Lust und Energie für das Amt habe – und dies konnte ich schnell mit Ja beantworten.» Dabei hatten ihn die Grünen Aarau mit ihrer Anfrage völlig überrascht. 30 Tage Bedenkzeit hatte sich Thür ausbedungen, nun hat er nur 10 gebraucht. «Die Stadt hat sich wahnsinnig entwickelt. Dazu würde ich gerne einen weiteren Beitrag leisten.»

Als Stadtrat will er «das gute Image Aaraus als lebenswerte Stadt weiter stärken und fördern». Sehr am Herzen liegt ihm die Kultur – vor allem das Kiff und die Alte Reithalle. Aarau soll, gemeinsam mit den umliegenden Gemeinden, «ein starkes Zentrum im Mittelland werden, das alles bietet».

Der richtige Pfad sei bereits eingeschlagen, und nun soll man ihn beharrlich weitergehen. Dabei sei «Sparhysterie» fehl am Platz: «Keine andere Stadt hat ein derartiges Vermögen. Das sollten wir nicht für den jährlichen Betrieb ausgeben, sondern in Zukunftsprojekte investieren, die unsere Lebensqualität verbessern.»

Dass die Grünen Anspruch auf einen Stadtratssitz erheben, ist nicht abwegig. Bei den Grossratswahlen 2016 hat die Partei in Aarau deutlich mehr Stimmen gemacht als beispielsweise die CVP (siehe Kasten). Im Aarauer Einwohnerrat haben die Grünen mit fünf Sitzen Fraktionsgrösse, sie sind die viertstärkste Partei.

Bitter für den SVP-Kandidaten

Unerfreulich ist die Kandidatur von Altmeister Thür für den SVP-Kandidaten Simon Burger (41). Seine Wahlchancen sinken. Geht man davon aus, dass die Stadtpräsidenten-Kandidaten Hanspeter Hilfiker, Angelica Cavegn und Daniel Siegenthaler die Wahl in den Stadtrat schaffen, müsste Burger Franziska Graf (SP, 45), Werner Schib (46, CVP) oder Suzanne Marclay (43, FDP) schlagen.

Das ist eine grosse Herausforderung. Graf und Schib haben den Bisherigen-Bonus. Graf und Marclay dürften bei denjenigen Wählern den Vorzug haben, die möglichst viele Frauen im Stadtrat wollen. Und als einzige kandidierende Rohrerin vertritt Franziska Graf den neuen Stadtteil.